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Päpstliche Lockerungsübungen : Warum Starrsinn?

Regelbefolgung, wie sie auch der Sport kennt, hat mit Konzentration zu tun Bild: Picture-Alliance

Er hat es wieder getan: eine Breitseite gegen „selbsternannte Wahrheitshüter“ abgefeuert. Aber der Papst agiert per Schrotflinte, mit ungenauer Zieltechnik.

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          Wer eine Regel setzt, sollte das nicht tun, ohne sich über die Dilemmata ihrer Anwendung im klaren zu sein. Strategien der Nichtverregelung gehören deshalb zum eisernen Bestand jeder guten Regel, sie schaffen Raum für Milde, um die besonderen Umstände des Einzelfalls berücksichtigen zu können und Autoritätsverlusten vorzubeugen.

          Die frühere Verfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff hat dieser Frage eine gelehrte Schrift gewidmet, „Das Dilemma des Rechts“, in der es heißt: „Die Geschichte der Diskussion des Verhältnisses von Recht und Billigkeit ist die Geschichte der Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wenn ja wie eine Milderung der Härten des Rechtes durch Billigkeit (aequitas, equity) – oder, in paradoxer Formulierung: durch Einzelfallgerechtigkeit – in das Recht selbst integriert werden kann.“

          Neue Nichtverregelungen

          Es geht also nicht um ein mildes Parallelrecht neben dem strengen Recht, sondern um die Ausgestaltung des Rechts auf seine verhältnismäßige Anwendung hin; um in der Norm selbst angelegte Zonen der Nichtverregelung und Ermessensspielräume. Die Rechtsgeschichte hat hierzu eine abgestimmte Kriteriologie erarbeitet, und man sollte erwarten, dass normative Systeme wie die Kirchen hinter solche Differenzierungen nicht zurückfallen, sondern sie dem Eigensinn ihrer Normen entsprechend zur Geltung bringen (wie dies beim moraltheologischen Prinzip der Epikie geschieht, das die Bindungskraft von Gesetzen bemisst).

          Was aber tut der Papst? Er interveniert per Schrotflinte, mit ungenauer Zieltechnik. Abermals schimpft Jorge Bergoglio bei einer Generalaudienz auf „selbsternannte Wahrheitshüter“, die behaupteten, „dass das wahre Christentum dasjenige ist, an dem sie hängen, oft identifiziert mit bestimmten Formen der Vergangenheit, und dass die Lösung für die heutigen Krisen darin besteht, zurückzugehen, um die Echtheit des Glaubens nicht zu verlieren“. Macht man die Gegenprobe, muss das Geschimpfe wunderlich wirken. Verstehen sich Kirche und Papst etwa nicht als Wahrheitshüter, selbsternannt auch noch im Verständnis des Gesandtseins, und prägt das stets zu erneuernde „Zurück zu den Quellen“ etwa nicht das Traditionsverständnis ihrer Lehren?

          Breite Streuwirkung

          Franziskus ergänzt dann noch: „Immer diese Starrheit! Man muss dies tun, man muss das andere tun!“ Starre suggeriert Unbeweglichkeit, Hermetik, wo es – wie in der Liturgie – vielleicht nur um Konzentration geht. Jedenfalls trifft die breite Streuwirkung, mit der Franziskus hier jede Regelbefolgung unter Beschuss nimmt, den Papst auch selbst. Sagt er nicht der ganzen Welt am laufenden Band, was seiner Meinung nach zu tun und zu lassen ist? Wieviel Starrsinn gehört dazu, dieses normative Selbstverständnis nicht wahrhaben zu wollen?

          Was verspricht sich Franziskus davon, wenn er auf der einen Seite ein neues Kirchengesetz nach dem anderen erlässt, also doch eine Lehrautorität beansprucht, an der nicht wenige Reformbegehren abprallen? Und auf der anderen Seite den Trainer für spirituelle Lockerungsübungen gibt, nach der ausnahmslosen Regel: Nur die Starren richten sich nach dem, was ich mitzuteilen habe? Bergoglio, der psychologisierende Beschreibungen schätzt, wird sich selbst zum Phänomen.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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