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Schleichwerbung : Wikipedia, missbraucht

  • -Aktualisiert am

Schön hier. Aber was hat die Dame da an? Bild: Picture-Alliance

Ein Hersteller von Outdoor-Kleidung fühlt sich sehr rebellisch und schmuggelt Werbefotos in die Wikipedia. Eine Aktion, die gründlich nach hinten losging.

          Outdoor-Funktionskleidung, diese oft übelriechenden Mikroplastikmüll verursachenden Erdölprodukte, sind nicht nur unschön anzusehen, wenn die Endverbraucher wieder einmal gefährliche Expeditionen durch die Fußgängerzone bis zum nächsten Alnatura unternehmen. Gemäß seinem Firmenslogan „Never stop exploring“ reizte ein Anbieter, den wir hier jetzt absichtlich nicht nennen, die guten Sitten dessen aus, was man sich im Internet erlauben kann.

          Wer auf eine Reise geht, der macht vor Fahrtantritt gerne eine Bildersuche auf Google, so dachten sich der Ausstatter und seine Werbeagentur, und ziemlich oft werden als Erstes Bilder aus der Wikipedia angezeigt. Hübsche Bilder von Naturparks zum Beispiel, die auch deshalb entstehen, weil Wikipedia regelmäßig Fotowettbewerbe veranstaltet. Dort müssten unsere Bilder sein – das war den Werbemenschen sofort klar, ganz oben bei Google!

          Also fuhren sie in mehrere Naturparks und produzierten schöne Bilder, allerdings mit einem Menschen darin, der Outdoor-Funktionskleidung mit gut sichtbarem Markennamen trägt. Diese Bilder luden sie bei Wikipedia hoch, und sie landeten prompt ganz oben in den Suchergebnissen. Weil das allein nicht reicht, drehte man noch einen Youtube-Kurzfilm darüber, der die heldenhafte Geschichte von einem Funktionskleidungskonzern und ein paar Werbern erzählt und wie sie an „einen der am schwersten zu erreichenden Orte“ gelangten, der heute eben nicht mehr in Patagonien liegt oder auf dem Mount Everest, weil sich dort die Instagramopfer mit ihren Selfiesticks rudelweise die Beine in den Bauch stehen. Nein, dieser Ort ist heutzutage die erste Seite der Google-Suchergebnisse. Und schließlich, als wäre das alles nicht schlimm genug, stellten sie ihren Hack auch noch als „Kollaboration“ mit Wikipedia dar.

          Ungefähr genauso egal, wie den durch die Wildnis trampelnden Instagram-Abenteurern alles ist, was jenseits des einen Fotomotivs liegt, mit dem sie hinterher vor ihren Followern angeben können, so egal ist diesem Outdoorausstatter das Internet und seine Biotope. Abenteuer, ob in der Wildnis oder im Netz, finden meistens ohne besondere Berücksichtigung der einheimischen Bevölkerung statt. Im Netz allerdings hat die einheimische Bevölkerung eine ziemlich laute Stimme, weshalb der Outdoorausstatter sich gezwungen sah, sich bei Wikipedia und überhaupt der ganzen Öffentlichkeit zu entschuldigen. Bei Wikipedia hingegen machte sich umgehend ein Schwarm Freiwilliger auf, Firmenlogos zu retuschieren, Bilder zu beschneiden oder auszutauschen, damit nicht mehr überall das dicke Logo prangt. Denn so ist das mit den abenteuerlustigen Kurzzeitbesuchern: Den Müll räumen am Ende immer die weg, die dort noch wohnen wollen.

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