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Otto Waalkes zum Sechzigsten : Der Witz und seine Beziehung zur Nation

Ein Spaßguerillero an der Grenze zur Altersweisheit: Otto Waalkes Bild: picture-alliance/ dpa

Deutscher Humor galt lange Zeit als Stoff, aus dem sich allenfalls Tragödien spinnen lassen. Dabei ist die Wirklichkeit nicht ohne Witz. Mit Otto Waalkes, der heute sechzig wird, erreicht die dritte Generation deutscher Nachkriegskomiker das Pensionsalter: Zeit für eine Bestandsaufnahme und Zeit für einige persönliche Erinnerungen.

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          Manch eine Revolution kommt ganz leise daher. Auf den Gummisohlen der Turnschuhe eines jungen Mannes etwa, der mit seinem langsträhnigen Blondhaar zwar so aussieht, wie sich seinerzeit der Bürger einen Schreck vorstellt, doch die Freundlichkeit in Person ist. Mit einer Gitarre in der Hand betritt er die Bühne und kündigt mit sanfter, fast schüchterner Stimme „Folklore und Protestlieder aus aller Welt“ an. Als Erstes spielen will er ein „Protestlied gegen die Unterarmnässe“, belässt es indes - wie so häufig an diesem Abend - bei der Ankündigung.

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist der 27. August 1973, der Tag, als die ARD erstmals die „Otto Show“ ausstrahlt. Vier Tage später schreibt die „Zeit“ über den Mann, den sie für einen „Otto Waalcke“ hält, dass er gewiss „ein Talent“ sei: „Es kann sein, dass aus Otto wirklich ein Komiker wird, wenn er und seine Macher Geduld genug haben; es kann aber auch sein, dass Otto den Versuchungen der gefräßigen Branche verfällt und das bisschen Repertoire, Substanz von heute alsbald verausgabt.“

          Zweifelsfrei ein Komiker

          Zehn Jahre darauf war Otto Waalkes zweifelsfrei zum Komiker geworden, der einem berühmten Kollegen zu dessen sechzigstem Geburtstag auf Augenhöhe gratulieren konnte: Loriot lobte er im „Spiegel“ als „väterlichen Volkserzieher“, der den „guten Ton in allen Lebenslagen“ verbreite. Ähnlich einflussreich war Otto, wenn auch auf andere Weise; seine Töne waren schief und schrill. „Otto versaut Hamburg“ lautete ein Plattentitel, doch seine Breitenwirkung war viel größer. Sie verdankte sich vor allem den mit Elefantenbildchen übersäten Alben, welche die Kinder, für die die Otto-Shows im Fernsehen zu spät liefen, monatelang auf dem Plattenteller rotieren ließen - um dann die Kunde von Susi Sorglos und ihrem flunkernden Föhn, vom Oberkellner Patzig und vom identitätsgestörten Robin Hood, Beschützer von Witzen und Weizen, auf dem Pausenhof zu verbreiten.

          Wo der Erwachsenenkomiker Loriot in seinen Sketchen ein von den Achtundsechzigern weitgehend unversehrtes Bürgertum an den eigenen Konventionen verzweifeln ließ, entzückte Waalkes als postideologische Ein-Mann-Spaßguerrilla auch die Halbstarken und jene, denen selbst die Pubertät noch ferner Traum war, die die sexuelle Konnotation seiner Scherze kaum verstehen, sehr wohl jedoch spüren konnten. Ohne dieses Publikum wäre „Otto - Der Film“ (1985) nicht der mit 14,5 Millionen Zuschauern (Bundesrepublik und DDR) erfolgreichste deutsche Kinofilm seit Beginn offizieller Zählung geworden.

          Aus den Trümmern des deutschen Humors

          Der deutsche Humor gilt gemeinhin als Stoff, aus dem sich allenfalls Tragödien spinnen ließen. Begründet wird dies mit einem nationalen Hang zu Schwermut und Tiefsinn, mit der wenig geschmeidigen Sprache, vor allem aber damit, dass die jüdischen Wurzeln unserer Komik so brutal gekappt wurden. Das Land, das - um nur zwei von vielen zu nennen - Tucholsky in den Tod und Billy Wilder ins Exil trieb, war nach dem verlorenen Krieg auch humoristisch zur Trümmerwüste geworden.

          Erst allmählich scheint es sich davon zu erholen. In drei Tagen, am 22. Juli, feiert Otto Waalkes seinen sechzigsten Geburtstag; Vicco von Bülow, den er damals pries, wird im November fünfundachtzig. Gerhard Polt, der gnadenlose Grantler und Otto-Antipode vom anderen Ende der Republik, ist sechsundsechzig, der Didiismus-Künstler Dieter Hallervorden wird dreiundsiebzig. Mit Otto hat die dritte Generation deutscher Nachkriegskomiker ihr Pensionsalter erreicht, auch wenn er dies nicht als Anlass sieht abzutreten; Zeit für eine Bestandsaufnahme, was sich seit der Stunde null entwickelt hat.

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