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Neuauflage von „Mein Kampf“ : Ein Lesekreis für Adolf Hitler

  • -Aktualisiert am

Die kommentierte Version: „Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition“ wird wegen der hohen Nachfrage bereits nachgedruckt. Bild: dpa

Verdammen, verstehen, distanzieren – wie ediert man „Mein Kampf“? Bedenkenlos konnten wir unsere Arbeit nicht tun. Ein Bericht aus der Werkstatt der kommentierten Ausgabe.

          5 Min.

          Kann man an „Mein Kampf“ nur scheitern? Schon die Frage, ob man sich damit beschäftigen soll oder nicht, führt unversehens in eine Endlosschleife, auf der, läuft man lange genug, alles immer wiederkehrt. Und zwischendurch wird, ohne es selbst recht bemerkt zu haben, auch schon mal der eigene Standpunkt geändert. Wissenschaft gegen Ideologie, Vernunft gegen Fanatismus ist ein ungleiches Match.

          „Die Triebkraft zu den gewaltigsten Umwälzungen auf dieser Erde lag zu allen Zeiten weniger in einer die Masse beherrschenden wissenschaftlichen Erkenntnis als in einem sie beseelenden Fanatismus.“ Wenn Hitler irgendwo Experte war, dann in Sachen Fanatismus. Darin liegt wohl eine der Wurzeln des Unbehagens und des Zweifels, ob es denn machbar ist, Hitler verstummen zu lassen, indem man ihm ins Wort fällt. Ihn frei bramarbasieren zu lassen erreicht dies allerdings gewiss nicht.

          Dass es für jeden denkbaren Zugang zu dem Buch historische Vorläufer gibt, sollte etwas bescheiden machen. Dass sie allesamt wenig bewirkt haben, noch mehr. Unvergessen die fulminanten Analysen und Widerlegungen von Johannes Stanjek vom „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ und seine lapidare Feststellung, Hitler habe dem Verstand den Krieg erklärt. Spott und Hohn waren ohnehin allgegenwärtig, wenn es um das Werk des „Oberkonfusionsrates“ ging, wie Carl von Ossietzky den schriftstellernden Parteiführer nannte.

          Das Werk eines verqueren Dämons?

          Die katholische Autorin Irene Harand und der jüdische Publizist Kurt Caro setzten mit aufklärerischem Furor alles daran, Hitler in seinem Buch zu entlarven und ihm „die Maske vom Gesicht zu reißen“. Und bleibend auch der Eindruck des resignierenden Exil-Sozialdemokraten Hans Staudinger, der seine tiefgehenden und klugen Betrachtungen zu „Mein Kampf“ schließlich aus Furcht nicht publizierte, seine Bemühungen, Hitler zu verstehen, würden ihm als Verständnis für Hitler ausgelegt werden.

          Danach wurde es still um das Buch, gewollt oder gezwungen, beruhigt oder beschämt. Es geriet zum Exotikum, zum verqueren Werk eines Dämons, eines Verführers oder Wahnsinnigen. Entsprechend fluktuierten die Maßstäbe, an denen es gemessen, die Kategorien, in die es eingeordnet wurde, zumal die Forschung zu der Schrift in den siebziger Jahren für lange Zeit zum Stillstand kam. Stabil blieben hingegen die rigide Haltung des bayerischen Staates im Umgang mit den Urheberrechten und die zum Allgemeingut gewordene Legende, das Buch sei nicht gelesen worden. Wie denn auch anders? Sonst wäre das Volk der Dichter und Denker doch wohl ganz gewiss Hitler entrüstet in den Arm gefallen.

          Als 2009 im Institut für Zeitgeschichte die ersten Arbeiten an der kommentierten Edition von „Mein Kampf“ begannen, waren bereits einige Hürden genommen, die bis dahin unüberwindlich schienen. Skepsis und Bedenken gegenüber einem Projekt, das aller Voraussicht nach Kritik und Widerspruch auslösen, jedenfalls Probleme bereiten würde, traten gegenüber den zu erwartenden noch viel größeren Verwerfungen zurück, würde das Urheberrecht 2015 ohne eine Stellungnahme der Wissenschaft auslaufen.

          Der veritable Krieg der Metaphern

          Die Anfänge waren bescheiden, man baute auf kursorische Kommentierungen der einzelnen Kapitel und den gängigen wissenschaftlichen Apparat. Spätestens die Auseinandersetzungen um den britischen Verleger Peter McGee, der Anfang 2012 Auszüge aus dem Buch in Form einer Broschüre massenhaft verbreiten wollte, zeigten, dass damit zu kurz gegriffen, Hitler wieder einmal unterschätzt wurde. Die von Bayern bald darauf zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel ermöglichten einen Neubeginn mit einem Vielfachen an personeller Ausstattung und unterstützender Struktur. Bis zu sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigten sich gleichzeitig mit dem Buch.

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