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Otfried Preußler : Zaubersprüche, im Wald ersonnen und geprüft

  • -Aktualisiert am

Es genügt, laut die Namen aus seinen Büchern aufzusagen, und die Kindheit ist wieder da. Otfried Preußler war ein Kindermagier und ein großer Schriftsteller.

          Einmal wanderte ein junger, aus dem Mährischen stammender Schulmeister durch den bayerischen Wald. Was so einer dabei wohl denkt? „Der, die, das“, dachte er. Und dann noch: „So könnte es funktionieren.“

          Zufällig vorbeikommende Spaziergänger hätten natürlich angenommen, der „Schulmeister“ (bis zuletzt legte der Grundschullehrer Wert auf diese Berufsbezeichnung) bereite sich auf seinen Unterricht vor; auf die Lektion mit dem bestimmten Artikel. Doch der Schulmeister war mit seinen Gedanken zwar bei Kindern, aber überhaupt nicht beim Unterricht. Derdiedas - das war ein Zauberspruch, der die Phantasie befreite, und das ist, wie man zugeben muss, eine ziemlich einfache Variante eines Zauberspruchs. Seit Kinderzeiten in der böhmischen Heimat war er ein Geschichtensammler gewesen. Mit acht Jahren sagte er dem Vater, dass er selbst einmal Geschichten schreiben werde. Aber bis zu diesem Moment im bayerischen Wald hatte er noch nichts geschrieben, und zwar nicht, weil ihm nichts eingefallen wäre, sondern weil ihm zu viel eingefallen wäre. Denn er war ein sehr gewissenhafter Mensch und übererfüllte sein Soll selbst in der Phantasie.

          Jetzt, hier irgendwo unter den Bäumen, war dem jungen Mann klar geworden, wie er ein Meer von Geschichten, Legenden, Fabeln, Überlieferungen, die in seinem Kopf waren und sich mit der eigenen Einbildungskraft zu einem einzigen Stoff vermischt hatten, organisieren könnte. Zauberspruch 1: „Der kleine Wassermann“. Zauberspruch 2: „Die kleine Hexe“. Zauberspruch 3: „Das kleine Gespenst“. Die drei bestimmten Artikel genügten ihm als Hohlformen, um eine ganze Welt zu erzählen, so, als hätte er nur ein Gefäß für seine Flut an Geschichten gebraucht. Der „Räuber Hotzenplotz“ war noch nicht dabei. Aber auch ohne den Räuber weiß jeder, dass hier im Wald der Schriftsteller Otfried Preußler entstand.

          Im Druidenkreis der Kindheit

          Ungefähr so, wenn auch etwas sachlicher, hat er uns die Geschichte erzählt, als wir ihn zu seinem achtzigsten Geburtstag besuchten. Er wohnte am Rübezahlweg in einem Haus, das über die Jahre durch Anbauten sich mit jedem Raum leicht modernisierte, von den fünfziger bis in die siebziger Jahre führte der Weg, gleichsam, vom kleinen Wassermann bis zu „Krabat“, an seinem großen Erfolg entlang. Windschief wie bei der kleinen Hexe war hier nichts, alles sehr sachlich, aber manches doch auch auf merkwürdige Weise provisorisch. Später wurde klar, dass er, als Vertriebener, der Dauerhaftigkeit von Frieden und Sesshaftigkeit, einer Welt ohne Inflation und Krieg, sowieso nicht ganz traute.

          Uralte Stoffe in neuer Verkleidung: Räuber Hotzenplotz mit Kasperl und Seppel.

          Auf der Terrasse wollten wir wissen, wie das funktioniert: wie es ihm gelungen war, die Helden und Heldinnen von ganzen Kindergenerationen zum Leben zu erwecken. Und als Antwort kam „derdiedas“. Vielleicht auch die einzig richtige Antwort, wenn man nach etwas fragt, das kein Mensch beantworten kann.

          Die großen Kinderbuchautoren legen mit ihren Geschichten einen Kreis um das Ich. Er sieht wahrscheinlich genauso aus wie der Druidenkreis des Petrosilius Zwackelmann im „Hotzenplotz“. Damit gelingt ihnen, was viele Erwachsene immer wieder erfahren. Die Entfernung des Ich zur Kindheit ist auch im Alter immer die gleiche. Man muss nur in die Bücher schauen, nein, noch nicht einmal hineinschauen, sondern nur die Figuren wieder aufrufen, und man ist wieder da, wo man einst in den Kreis trat.

          Er war kein Märchenonkel

          Der große Zauberer brauchte nur einen Hut, ein Kleidungsstück, um Abwesende herbeizuzaubern; dem großen Kindermagier Otfried Preußler genügt ein Wort, ein Name, und das Abwesende und Versunkene ist wieder da: „Abraxas“, „heiße Maroni“, „der billige Jakob“, „Gemischtwarenhandlung Balduin Pfefferkorn“, „Wachtmeister Dimpfelmoser“, „Buxtehude“, „Vorsicht Gold!“ Vom Essen ganz zu schweigen - oder besser: heute nicht, weil Preußler-Leser dann merken, was im Kopf geschieht: „Bratwürste mit Sauerkraut“, „Pflaumenkuchen mit Schlagsahne“, die Salamis, die von der Gewölbedecke von Zwackelmanns Schloss herabhängen und die F.J.Tripp so kongenial zeichnete.

          Das alles ist das Ergebnis von „Derdiedas“. Und vielleicht lernt man durch diese Formel besser verstehen als durch die Merseburger Zaubersprüche, die bekanntlich sehr viel mehr magischen Wind machen, dass Sprache selbst Magie ist. „Abergläubisch, wie ich bin“, sagte Preußler damals, „erkläre ich es mir so, dass ich eine Art von Magie ausübe. Ich muss versuchen, und das war am Anfang gar nicht einfach, die richtige Formel zu finden.“

          Otfried Preußler, dieser große Schriftsteller, hatte es trotz eines Zwischenspiels in den achtundsechziger Jahren, immer nur mit Dankbarkeit zu tun gehabt. Die Briefe, gewiss auch E-Mails von Kindern, die er bekam, sind unüberschaubar. Die von Erwachsenen, die ihm als die Kinder dankten, die sie einst waren, ebenso. Er ging damit erfreut, aber ziemlich unsentimental um. Er war kein Märchenonkel, obwohl er, wie er sagte, als „Ein-Mann-Theater“ auch große Erfolge hatte. Er dachte gar nicht in erster Linie an Kinder, sondern an Geschichten.

          Sagen und Märchen als Ersatzheimat

          Was von außen betrachtet so mühelos wirkt, war das Ergebnis harter, oft jahrelanger Arbeit. Er benutzte ein Diktiergerät, auf das er im Wald seine Einfälle und Gedanken sprach. Er war ein großer Sagen- und Märchensammler, und in vielen seiner Bücher tauchen uralte Stoffe in neuer Verkleidung auf. Sein ihm wohl wichtigstes Werk, der „Krabat“, beschäftigte ihn viele Jahre. Die düstere Geschichte verwob unzählige Überlieferungsstränge, und viele, so erzählte er, entglitten ihm dabei. Die Lausitz, wo „Krabat“ spielt, war damals in der DDR; mühsam hatte sich Preußler die Landschaft über Messtischblätter rekonstruiert, den Koselbruch, Schwarzkollm und wie die Orte alle heißen mögen. Später schrieben ihm die Lausitzer: „Sie beschreiben das so exakt, da stimmt jeder Baum.“

          Es gibt eine topographische Exaktheit und eine seelische. In beiden Techniken war er ein Meister. Er prägte sich Orte, Geschichten und Menschen so ein wie einer, den die Erfahrung traumatisiert hatte, dass er sie nie mehr wiedersehen könnte. Auf den Verlust seiner Heimat kam er immer wieder zurück. Und womöglich lag in dieser Erfahrung die Kraftquelle seiner lebenslangen Inspiration. Von zu Hause blieben am Ende nichts als Sagen und Märchen. Aber Sagen und Märchen waren immer schon als eine Ersatzheimat gedacht, die man überallhin mitnehmen kann, von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, ganz gleich, wohin einen die Geschicke verschlagen. Otfried Preußler, der am Montag im Alter von 89 Jahren gestorben ist, aber hat Geschichten geschrieben, die man nicht nur durch den Raum transportieren kann. Für den Leser oder die Leserin, die sie einst lasen, ist die Zauberformel „Derdiedas kleine Wassermann, Hexe, Gespenst“ plus Hotzenplotz immer dabei in der verrinnenden Zeit.

          Der Weg zurück in die Kindheit: Eine Kiste mit der Aufschrift „Vorsicht Gold!“

          Otfried Preußlers Meisterwerke

          Besonders mit drei seiner zahlreichen Kinder- und Jugendbücher ist Otfried Preußler berühmt geworden. 1957 publizierte er „Die kleine Hexe“, die aus Geschichten entstand, die Preußler seinen drei Töchtern erzählt hatte. Als eines der ersten deutschsprachigen Kinderbücher bot es eine auch noch im heutigen Sinne emanzipierte Heldin. Fünf Jahre später folgte „Der Räuber Hotzenplotz“, der sofort zu einem Klassiker avancierte, weil er mehr als alle anderen Preußler-Bücher mit Figuren agierte, die der Kinderbuchtradition entstammten, doch vom Autor in wunderbare neue Konstellationen gesetzt wurden. Zwei weitere „Hotzenplotz“-Bücher folgten 1969 und 1973. Doch das große Meisterwerk war „Krabat“, 1971 erschienen, ein dunkler Roman über einen sorbischen Waisenknaben im frühen achtzehnten Jahrhundert. Er ist Preußlers Zauberlehrling, eine unvergessliche literarische Figur. (F.A.Z.)

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