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Otfried Preußler : Zaubersprüche, im Wald ersonnen und geprüft

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Er war kein Märchenonkel

Der große Zauberer brauchte nur einen Hut, ein Kleidungsstück, um Abwesende herbeizuzaubern; dem großen Kindermagier Otfried Preußler genügt ein Wort, ein Name, und das Abwesende und Versunkene ist wieder da: „Abraxas“, „heiße Maroni“, „der billige Jakob“, „Gemischtwarenhandlung Balduin Pfefferkorn“, „Wachtmeister Dimpfelmoser“, „Buxtehude“, „Vorsicht Gold!“ Vom Essen ganz zu schweigen - oder besser: heute nicht, weil Preußler-Leser dann merken, was im Kopf geschieht: „Bratwürste mit Sauerkraut“, „Pflaumenkuchen mit Schlagsahne“, die Salamis, die von der Gewölbedecke von Zwackelmanns Schloss herabhängen und die F.J.Tripp so kongenial zeichnete.

Das alles ist das Ergebnis von „Derdiedas“. Und vielleicht lernt man durch diese Formel besser verstehen als durch die Merseburger Zaubersprüche, die bekanntlich sehr viel mehr magischen Wind machen, dass Sprache selbst Magie ist. „Abergläubisch, wie ich bin“, sagte Preußler damals, „erkläre ich es mir so, dass ich eine Art von Magie ausübe. Ich muss versuchen, und das war am Anfang gar nicht einfach, die richtige Formel zu finden.“

Otfried Preußler, dieser große Schriftsteller, hatte es trotz eines Zwischenspiels in den achtundsechziger Jahren, immer nur mit Dankbarkeit zu tun gehabt. Die Briefe, gewiss auch E-Mails von Kindern, die er bekam, sind unüberschaubar. Die von Erwachsenen, die ihm als die Kinder dankten, die sie einst waren, ebenso. Er ging damit erfreut, aber ziemlich unsentimental um. Er war kein Märchenonkel, obwohl er, wie er sagte, als „Ein-Mann-Theater“ auch große Erfolge hatte. Er dachte gar nicht in erster Linie an Kinder, sondern an Geschichten.

Sagen und Märchen als Ersatzheimat

Was von außen betrachtet so mühelos wirkt, war das Ergebnis harter, oft jahrelanger Arbeit. Er benutzte ein Diktiergerät, auf das er im Wald seine Einfälle und Gedanken sprach. Er war ein großer Sagen- und Märchensammler, und in vielen seiner Bücher tauchen uralte Stoffe in neuer Verkleidung auf. Sein ihm wohl wichtigstes Werk, der „Krabat“, beschäftigte ihn viele Jahre. Die düstere Geschichte verwob unzählige Überlieferungsstränge, und viele, so erzählte er, entglitten ihm dabei. Die Lausitz, wo „Krabat“ spielt, war damals in der DDR; mühsam hatte sich Preußler die Landschaft über Messtischblätter rekonstruiert, den Koselbruch, Schwarzkollm und wie die Orte alle heißen mögen. Später schrieben ihm die Lausitzer: „Sie beschreiben das so exakt, da stimmt jeder Baum.“

Es gibt eine topographische Exaktheit und eine seelische. In beiden Techniken war er ein Meister. Er prägte sich Orte, Geschichten und Menschen so ein wie einer, den die Erfahrung traumatisiert hatte, dass er sie nie mehr wiedersehen könnte. Auf den Verlust seiner Heimat kam er immer wieder zurück. Und womöglich lag in dieser Erfahrung die Kraftquelle seiner lebenslangen Inspiration. Von zu Hause blieben am Ende nichts als Sagen und Märchen. Aber Sagen und Märchen waren immer schon als eine Ersatzheimat gedacht, die man überallhin mitnehmen kann, von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, ganz gleich, wohin einen die Geschicke verschlagen. Otfried Preußler, der am Montag im Alter von 89 Jahren gestorben ist, aber hat Geschichten geschrieben, die man nicht nur durch den Raum transportieren kann. Für den Leser oder die Leserin, die sie einst lasen, ist die Zauberformel „Derdiedas kleine Wassermann, Hexe, Gespenst“ plus Hotzenplotz immer dabei in der verrinnenden Zeit.

Der Weg zurück in die Kindheit: Eine Kiste mit der Aufschrift „Vorsicht Gold!“

Otfried Preußlers Meisterwerke

Besonders mit drei seiner zahlreichen Kinder- und Jugendbücher ist Otfried Preußler berühmt geworden. 1957 publizierte er „Die kleine Hexe“, die aus Geschichten entstand, die Preußler seinen drei Töchtern erzählt hatte. Als eines der ersten deutschsprachigen Kinderbücher bot es eine auch noch im heutigen Sinne emanzipierte Heldin. Fünf Jahre später folgte „Der Räuber Hotzenplotz“, der sofort zu einem Klassiker avancierte, weil er mehr als alle anderen Preußler-Bücher mit Figuren agierte, die der Kinderbuchtradition entstammten, doch vom Autor in wunderbare neue Konstellationen gesetzt wurden. Zwei weitere „Hotzenplotz“-Bücher folgten 1969 und 1973. Doch das große Meisterwerk war „Krabat“, 1971 erschienen, ein dunkler Roman über einen sorbischen Waisenknaben im frühen achtzehnten Jahrhundert. Er ist Preußlers Zauberlehrling, eine unvergessliche literarische Figur. (F.A.Z.)

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