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Oswald Spengler : Faustisch und lebensnah

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Oswald Spengler war einer der einflussreichsten Intellektuellen der Weimarer Republik. 1918 erschien der erste Band von „Der Untergang des Abendlandes“.

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          Oswald Spengler, ursprünglich Hamburger Gymnasiallehrer, seit einer Erbschaft Münchner Privatgelehrter, war einer der einflussreichsten Intellektuellen der Weimarer Republik. 1918 erschien der erste Band seines Hauptwerks „Der Untergang des Abendlandes“. Von Goethe und Nietzsche beeinflusst, vertrat er den gesetzmäßigen Aufstieg und Untergang der Hochkulturen, die allesamt „zeitgleiche Phasen“ durchliefen; auch in der chinesischen oder indischen Hochkultur habe es Reformation und Renaissance gegeben. Vor dem Untergang durchlebe die Zivilisation eine Phase des „Caesarismus“. Spengler kam bei seinem Bucherfolg die Erschütterung des wilhelminischen Fortschrittsdenkens zugute. Auch die Nationalsozialisten bemühten sich um den von Mussolini geschätzten Kulturphilosophen. Ein Antisemit war Spengler aber nicht. Deutlich schrieb er 1933 „Wer zu viel von Rasse redet, hat keine mehr“ und lobte Benjamin Disraeli. Sein Tod 1936 fand kaum Beachtung.

          Spengler war viel gelesen, doch umstritten. Das wissenschaftliche Fachpublikum sah seine globalhistorischen Exkurse mit Skepsis. Auf der anderen Seite war jeder deutsche „Gebildete“ einigermaßen mit Spengler vertraut. Dass in einer methodisch herausgeforderten Rechtswissenschaft Spengler besondere Präsenz besaß, verwundert nicht. Eine Untersuchung zu seiner juristischen Rezeption fehlte bislang; meist wurde er einer nicht näher spezifizierten „Konservativen Revolution“ zugeordnet. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Lutz Martin Keppeler hat mit seiner von Hans-Peter Haferkamp betreuten Kölner Dissertation jetzt eine Lücke geschlossen („Oswald Spengler und die Jurisprudenz“, Tübingen 2014). Im 1922 erschienenen zweiten Band des „Untergangs des Abendlandes“ nahm Spengler explizit zu juristischen Fragen Stellung. Er war ein Kritiker des „statischen“ römischen Rechts und forderte ein „dynamisches“ Recht, das auf die Herausforderungen der Moderne reagieren könne. Nun war Kritik am römischen Recht keineswegs originell, immer wieder war das „lebensfremde“ römische Recht kritisiert worden. Zu Unrecht, denn ein „lebensnahes“ Recht beschäftigte seit dem 19. Jahrhundert auch viele Romanisten. Auch Spenglers Antagonismus von „dynamisch“ und „statisch“ fand sich bei anderen Juristen, etwa bei Hans Kelsen. Antipositivistische Juristen konnten mit Spengler oft wenig anfangen, so der Tübinger Zivilist Philipp Heck oder Carl Schmitts konservativer Gegenspieler Erich Kaufmann. Schmitt selbst schätzte Spenglers Zitat „in England ersetzte die Insel den Staat.“

          Spenglers Rechtskritik war keineswegs substanzlos. Wenn er bemängelte, dass das römische Recht nur Eigentum an körperlichen Gegenständen kenne, geistiges Eigentum aber nicht, legte er den Finger auf einen wunden Punkt. Keppeler betont, dass der Höhepunkt des „Streites um Spengler“ vor 1922 lag. Gleichwohl ließ sich eine beachtenswerte Rezeption nachweisen. Alexander Elster (1877-1942) war ein ausgesprochener Praktiker, daneben literarisch ungemein produktiv und als Leiter der juristischen Abteilung des Berliner Verlages Walter de Gruyter einer der einflussreichsten deutschen Juristen. Elster berief sich in seiner „dynamischen Rechtslehre“ ausdrücklich auf Spengler. Dies hatte handfeste Folgen, denn Elster war ein führender Jurist des gewerblichen Rechtsschutzes und des Urheberrechts, der für den Börsenverein des Deutschen Buchhandels Gutachten erstellte, daneben aber eine schillernde Figur zwischen linksliberalen Positionen, Lebens- und Sexualreform, Eugenik und Nationalsozialismus. Zu Recht konstatiert Keppeler, dass über diesen vielseitigen Autor bis heute „wenig bekannt“ ist, und es gehört zu den besonderen Vorzügen seiner Arbeit, bei dem bis heute viel zitierten, sonst aber unbekannten Elster „die Fäden zusammengeführt“ zu haben. Eine andere überraschende Spengler-Rezeption war das „faustische Arbeitsrecht“ des SPD-nahen Arbeitsrechtlers Heinrich Potthoff. Gerade Vertreter des gewerblichen Rechtsschutzes und des Arbeitsrechts empfanden das BGB für ihre Rechtsgebiete als unpassend und holten sich bei Spengler Argumente. Vorbildlich dokumentiert Keppeler aber auch eine Kontroverse zwischen dem Patentrechtler Hermann Isay und dem eklektizistischen Juristen Eugen Rosenstock-Huessy, der in seinem „Industrierecht“ trotz wissenschaftlicher Distanz Spengler zitiert hatte.

          Auch Keppeler wahrt zu Spengler eine vorsichtige Distanz. Größer und sicher unbeabsichtigt ist sie aber im persönlichen Lebensentwurf. Während der Arbeit an seiner Promotion wurde der Autor, so das sympathische Vorwort, zweifacher Vater. Frau und Kinder hatte Spengler, der vor der kinderlosen „Ibsen-Frau“ und einem sexualfeindlichen „Priestertum“ warnte, nicht.

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