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Osterinsel im Pazifik : Bleibt fort

  • -Aktualisiert am

Seht, da steh’n sie: Tausend Moais haben die Insulaner aus dem Stein der Vulkane geschlagen - und dabei nebenher ihre Lebensgrundlage zerstört. Bild: Reuters

Um Corona-Ansteckungen zu vermeiden, sind Fremde auf der Insel im Pazifik unerwünscht. Dabei ist der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Was nun?

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          Das Schild, das sich an den Türen der Metzgereien und Supermärkte an Hunde wendet mit dem Hinweis „Wir müssen draußen bleiben“, könnten Urlauber demnächst an der Hafeneinfahrt und dem Flughafenterminal von Hanga Roa vorfinden, unmissverständlich an sie gerichtet. Wir, haben die Bewohner der Osterinsel an diesem Sonntag beschlossen, wollen keine Fremden bei uns haben. Das klingt harscher, als es ist. Denn schon unmittelbar nach Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich die Insel vom Rest der Welt abgeschottet. Nun stimmten 67 Prozent der Rapa Nui, der Ureinwohner, in einem Referendum dafür, an diesem Zustand vorerst nichts zu ändern.

          Grund ist die Furcht, das Virus auf die Insel zu holen. Nur acht Corona-Fälle wurden dort bekannt, der letzte im September des vorigen Jahres. Gestorben ist an der Infektion niemand. Und so soll es bleiben. Dass es auf der ganzen Welt keinen bewohnten Fleck gibt, der weiter entfernt ist von der restlichen Zivilisation, was die Insel lange Zeit zu einer Art natürlichen Isolierstation machte, hat den Bewohnern am Ende nichts genutzt. Europäische Entdeckungsreisende schleppten im 18. Jahrhundert Grippe und Syphilis ein, woran ein großer Teil der Bevölkerung starb. Im 19. Jahrhundert kamen die Pocken hinzu. Und Anfang des 20. Jahrhunderts breitete sich die Lepra aus. Da war die Zahl der Bewohner von etwa dreitausend zur Zeit der ersten europäischen Besucher auf kaum mehr als hundert geschrumpft. So etwas hinterlässt Spuren.

          Heute leben knapp zehntausend Menschen auf der Osterinsel, die meisten von ihnen sind seit dem Bau eines Flughafens in den Achtzigerjahren zugezogen. Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Und so war die eigentliche Frage hinter dem Referendum die, wie man sich die Zukunft vorstelle. Schon einmal hatte man sich die auf der Osterinsel gründlich verbaut, als sich alles Denken und Handeln auf das Erschaffen der Moais konzentrierte, rätselhafter, bis zu zwanzig Meter hoher Kolosse aus Stein. Damit einher ging ein Raubbau an der Natur sondergleichen. Zehn Millionen Palmen wurden gefällt. Das Paradies verwandelte sich zur Steppe. Karge Erträge in Landwirtschaft und Fischfang sorgten für Hungersnöte. Kein Eiland, notierte James Cook in sein Logbuch, biete weniger Erfrischungen und Annehmlichkeiten. Fortan keine Besucher mehr zu empfangen müsste nicht zwangsläufig in genau diese Situation zurückführen. Die Landwirtschaft heute, so heißt es, sei ausgereift genug, einige tausend Menschen zu ernähren. Wäre es also ein Experiment wert, wieder abseits vom Rest der Welt zu leben? Dann könnte die Osterinsel so etwas werden wie eine Kolonie in der Weite des Weltalls. Nur hin und wieder besucht: von Forschern in Raumanzügen.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

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