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„Ostalgie-Show“ : Erinnerungsgegacker

Abgesoffen im Seichten: die „Ostalgie Show” Bild: AP

Wer am Sonntag abend im ZDF die „Ostalgie-Show“ sah, und das waren immerhin 4,78 Millionen Zuschauer, wurde Zeuge eines Untergangs: Unterhaltung mit Anspruch gibt es beim ZDF nicht mehr.

          "So, wie es ist, ist es gut." Ist es das? Ist es das wirklich? Ist das wirklich gut? Ende gut, alles gut? Von wegen, nichts da, im Gegenteil. Was an diesem späten Sonntag abend in etwas mehr als eineinhalb Stunden das Programm des ZDF war, war das Grauen als Sendung, das nackte, kalte Grauen, üppig sprießend im Fernsehgarten auf dem Mainzer Lerchenberg. Ein Fall für den Fernsehrat. Alle Befürchtungen, die Politiker und Künstler zuvor äußerten, wurden bei weitem übertroffen. Wäre er nicht so oft schon beschworen worden, wäre dies der Moment, den Supergau des Unterhaltungsfernsehens alarmzumelden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch es ist zu spät: Die "Ostalgie-Show" im ZDF ist gelaufen, die Moderatorin Andrea Kiewel hat ihren kruden Schlußsatz gesagt, und 4,78 Millionen Zuschauer (Marktanteil 21,8 Prozent) haben zugehört und zugesehen. Jeder dritte in den neuen Ländern, so gibt das ZDF an, hat die Show verfolgt. Doch daß dies ein Qualitätserweis sei, kann man bei aller Liebe zum Publikum nicht behaupten. Wir wurden vielmehr Zeuge eines Untergangs: Unterhaltung mit Anspruch, zumindest mit jenem, nicht jedem Popanz hinterherzulaufen und der letzten Trendwendung hinterherzubiegen, auch um den Preis, daß damit ein ganzes Kapitel der Geschichte verklappt wird, es gibt ihn beim ZDF nicht mehr. Alles, was dem MDR im Laufe der Jahre an unterhaltender Verharmlosung und subkutaner Verklärung eines Regimes je vorgeworfen wurde, man kann es dem ZDF nach diesem Wochenende unterschieben.

          Nichts als Spreewalder Gurken

          Dachten wir zuvor noch, wir müßten diese Übung des ZDF, im Seichten nicht zu ertrinken, nicht mit der politisch-moralischen Keule begleiten, so hat uns der Abend eines Besseren belehrt. Es hat nicht nur viel zu lange gedauert, bis das offenbar als störend empfundene Stichwort "Stasi" endlich wenigstens genannt wurde. Es hatte vielmehr den Anschein, daß der Schauspieler Udo Schenk die Gründe seiner damaligen Flucht vom Osten in den Westen Deutschlands den Moderatoren gar nicht schnell genug heruntererzählen konnte. Eigens gelobt für den Mut, so offen darüber zu sprechen, wurde von dem zappelnden Marco Schreyl aber nicht Schenk, sondern die Schlagersängerin Ute Freudenberg, die andeutete, daß nach ihrer Flucht der Empfang im Westen schwierig, die Aufnahme im Osten nach dem Fall der Mauer aber um so herzlicher gewesen sei. "Danke dafür."

          Zwischen all den Spreewälder Gurken, Schokocremes Ost und West, Tanzeinlagen und Rückblenden zu vermeintlichen Sternstunden der DDR-Unterhaltungsgeschichte, die nicht einmal Rührung, sondern nur aufgeregtes Erinnerungsgegacker ("Weißt du noch, wie wir die Kassetten vom Radio selbst aufgenommen haben? Was, du hattest einen Philips, ich hatte nur einen Robotron.") mit sich brachten, hatte als Alibi nur ein Gespräch mit dem ehemaligen Ost-Berliner Korrespondenten des ZDF, Michael Schmitz, Platz. Wenigstens er durfte zwei, drei Sätze zu dem an diesem Abend in der Tat paradiesisch anmutenden Leben im Arbeiter-und-Bauern-Staat sagen, zwischendurch hielt Wolfgang Lippert diversen Menschen zum Mitsingen alter Lieder ein Mikro vor die Nase oder erklärte Marco Schreyl, was ein "ABV" war. Ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei nämlich, der eingeschritten wäre, wenn er als kleiner Junge einen Fußball ins Fenster der Nachbarn geschossen hätte. Glücklich das Land, dessen Bewohner keine anderen Probleme haben.

          Nur „Sudel-Ede“ hat gefehlt

          Wir könnten es auf die relative Jugend der Moderatoren zurückführen, daß, was in der DDR nur oberflächlich harmlos war, hier so durch und durch harmonisch und ununterscheidbar erschien von dem, was jetzt ist (Kiewel). Doch sollte man von der Unterhaltungsabteilung eines Senders, die offenbar größte Mühe hatte, die vorab aufgezeichnete Nummernrevue halbwegs erträglich zusammenzuschneiden, etwas mehr Grips bei der Vorbereitung erwarten können, damit am Ende nicht bloß das beinahe kindliche Staunen über all die ehemaligen "Superstars" steht, die da im Sechserpack die Showtreppe herunterkamen. Es war nicht mal unterhaltsam, an keiner einzigen Stelle ironisch gebrochen, sondern mit unheiligem Ernst hölzern bemüht, ein Kaffeekränzchen auszurichten, bei dem vierzig Jahre deutsche Nachkriegsgeschichte mit ein paar Happen verfrühstückt wurden. Für ausländische Beobachter muß das alles noch viel, viel seltsamer wirken, als Baustein auch einer Nostalgiewelle, die vor nichts haltmacht und alle Fragwürdigkeiten überspült.

          Ob sie dereinst in Südkorea, wenn Kim Jong-il und Konsorten hoffentlich bald am Ende sind, auch mal so etwas machen? So lustig war das Hungerleben in Pjöngjang? Der letzte macht den Witz aus. Erich hätte seine Freude an diesem Stück Fernsehgeschichte des Klassengegners gehabt und Eduard Schnitzler sowieso. Den haben wir an diesem Abend vermißt, hätte er doch gut ins Ambiente gepaßt. Das DDR-Fernsehen selbst hätte es nicht anders machen können.

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