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Oskar Roehler über die Wut : Diese gefährliche Hitze im Kopf

  • -Aktualisiert am

Oskar Roehler Bild: Frank Röth

Wir haben Schriftsteller aus aller Welt gefragt, was sie wütend macht. Und auch diese Antwort bekommen: Man wird sich etwas dabei gedacht haben. Also versuche ich es.

          5 Min.

          1. Wut (damals)

          Es gab eine Zeit, lange her, da packte mich manchmal eine wahnsinnige, physische Wut. Ein „Amoklauf“ von mir war legendär. Er vollzog sich entlang der Oranienstraße. Erst schlug ich die Frontscheiben einer Galerie ein, vergrub meine Fingernägel in den Leinwänden, riss sie herunter und wälzte mich in ihnen und den Glasscherben am Boden; ich sprang durch die kaputte Scheibe wieder hinaus, die wie ein Fallbeil hinter mir hinunterkrachte und mir wahrscheinlich meinen Kopf abgetrennt hätte, wäre ich nicht so besessen gewesen, dass mir nichts passieren konnte, rannte weiter, um die Stühle und Tische der „Oranienbar“ auf die Straße zu schleudern.

          Ich lief hinein in die Schwulenbar, wo man gerade zu frühstücken anfing, und riss ihnen die Tische und Stühle unter dem Arsch weg, um sie, gemäß der Systematik und dem mir innewohnenden, schrecklichen Ordnungssinn, allesamt auf die Straße zu schleudern; um anschließend weiterzulaufen, bis zum Landwehrkanal, in den ich hineinsprang.

          Ich wollte ihn durchkraulen und dann über die Mauer in die DDR klettern. Meine Wut war so groß wie mein Körper stark, ich hielt mich für unbesiegbar. Ich schwamm, wie bereits in meinem Roman erwähnt, über weite Strecken Butterfly durch den Kanal, ging dann aber nach Hause. Die DDR konnte warten. Ich wickelte meinen mit Schnittwunden übersäten Körper in Mull ein und legte mich flach auf den Rücken.

          Nichts konnte mich aufhalten

          Bald fing alles zu jucken an. Ich brüllte gegen diesen Juckreiz an, bis mir die Stimmbänder versagten. Ich fühlte mich, wie im Roman beschrieben, wie die Kreatur in „Eraserhead“, meinem Lieblingsfilm damals. Nichts konnte mich aufhalten, meiner Wut Ausdruck zu verleihen, nicht das Klopfen und die plumpen Drohungen meiner Nachbarn, nicht die Polizei, die sie riefen und die mich schließlich in eine Ausnüchterungszelle brachte: denn diese Wut war der einzige Ausdruck, den ich hatte.

          Ich war noch kein Künstler, aber die Metamorphose zum Künstler fand in diesen schwierigen Geburtswehen statt, und ich fand darin meinen Ausdruck. Wut war mein künstlerischer Ausdruck. Ich war ein sehr wütender junger Mann. Woher kam diese Wut? Durch den Alkohol, den ich vorher in Unmengen in mich hineingekippt hatte?

          Gegen wen richtete sie sich? Gegen mich selbst. Das war der Unterschied. Diese Wut, die mich veranlasste, zu brüllen, bis die Stimmbänder versagten, auf dem Asphalt Purzelbäume zu schlagen, mit dem Kopf voran durch Frontscheiben zu springen oder kaputte Waschmaschinen fünf Stockwerke hochzuschleppen, um sie dann sich selbst zu überlassen, war meine Form von Energie.

          Es brachte mich zur Raserei, dass ich meinen künstlerischen Ausdruck nicht fand. Einmal rannte ich über die Stadtautobahn, vor Wut darüber, dass ich meinen künstlerischen Ausdruck nicht fand. Einmal, ich war schon stockbesoffen, hätte es aber noch aufs Klo geschafft, blieb ich aus reiner Verweigerungshaltung auf meinem Barhocker sitzen und schiss und urinierte gleichzeitig in die Hose.

          Man musste mich wegtragen. Freiwillig ging ich nie. Können und Wollen, Nicht-Können und Nicht-Wollen waren auf untrennbare Art miteinander verbunden. Und so tat ich, was ich konnte; und was ich nicht konnte, tat ich nicht. Ich besaß eine Brille, deren Gläser ich mit schwarzer Wandfarbe überstrichen hatte. Durch die Schlieren konnte man ein wenig die Helligkeit sehen.

          Die setzte ich immer auf, kurz bevor es losging mit mir, bevor die Ruhe vor dem Sturm aufzog, gewissermaßen. Ich hockte dann da mit der Brille und trank und wartete, bis irgendwas losging. Manchmal bekam ich Ärger wegen der Brille.

          Es störte manche Leute, dass da so ein Typ saß, der so eine Brille aufhatte. Irgendwann ritzte ich Hakenkreuze rein. Schließlich verlor ich sie. Aber eine ganze Zeit wurde mir diese Brille immer wieder nachgetragen, wie als Zeichen dafür, dass meine Wut noch nicht verraucht, dass meine körperlichen Reserven noch lange nicht aufgebraucht waren, dass mit mir noch zu rechnen war.

          Amok gegen mich selbst

          Ich sah die Oranienstraße vor mir: leer und lang und links die Schaufenster und weiter hinten rechts die roten, lächerlichen Plastikstühle der „Oranienbar“. Und rannte los – und lief Amok gegen mich selbst.

          Ich sehe das Bild der leeren Oranienstraße, wenn ich jetzt daran denke, wieder vor mir, und ein Rest von Sehnsucht kribbelt mir in den Fingern, wie damals nach einem ersten Kurzen zu greifen und die gefährliche Hitze zu spüren, die sich im Kopf entfaltet.

          Ich erinnere mich an die herrliche Kette von Kurzen, die, den Tresen entlang, vor uns aufgebaut war, und man musste nur noch der Reihe nach zugreifen und sie herunterkippen. Das war herrlich. Der Durst, die Gier danach war ja nichts anderes als ein Durst nach Abenteuer, nach Grenzüberschreitung, eine Sehnsucht nach Freiheit.

          Nach welcher Freiheit sollte ich mich heute, mit Mitte fünfzig, sehnen? Meine Wut ist verraucht, der Angst sozusagen gewichen, Angst vor allem und vor nichts, aber die Angst ist hier ja nicht das Thema. Wütend werde ich eigentlich nur noch, wenn ich beim Schreiben oder bei anderen Dingen gestört werde.

          2. Liebe (heute)

          In diesem Teil des Textes soll und darf das hässliche Wort Wut nicht vorkommen und ihn beschmutzen. Denn es soll ein Text über Liebe werden, über die Liebe unseres Volkes, das seine Arme ausbreitet. Es nimmt zukünftige Millionen toller, phantastischer Flüchtlinge auf, die eben für dieses Volk eine große, zukünftige Bereicherung, ein großer Segen sind.

          Ich selbst, dem es wichtig ist, dass meine Flüchtlinge gut aussehen, habe nicht etwa Klamotten geopfert, die ich nicht mehr brauche, sondern meinen dreiteiligen, weißen Tom-Ford-Anzug für meinen Flüchtling aus Kroatien, oder Tschetschenien, damit ich ihn sofort erkenne, wenn ich ihn an den sozialen Brennpunkten sehe, und meinen schwarzen Tom-Ford-Anzug für Black-Tie-Anlässe, zum Beispiel im Kanzleramt, um seine Dankesrede zu halten.

          Gute Figur machen

          Egal, wie es ihm geht (und was immer auch für Geschäfte er macht, Aufträge erhält), er muss eine gute Figur machen, muss einfach gut aussehen, dachte ich.

          Er kriegt meine roten Lackschuhe von Alexander McQueen, um ihn besonders zu kennzeichnen, falls ich ihn nach einer steilen Blitzkarriere möglicherweise im auswärtigen Amt oder im „Vau“ oder wo auch immer nicht gleich wiedererkennen sollte, wenn er mit dem Staatssekretär oder vielleicht sogar mit der Kanzlerin persönlich spricht; denn dass er eine Blitzkarriere macht in diesem Land, daran glaube ich fest, obwohl er nicht lesen und schreiben kann und auch unserer Sprache mit keinem Wort mächtig ist.

          Und an alle anderen glaube ich auch. Denn wir werden es schaffen, sie alle „zu richtigen Menschen“ zu machen, egal, was für einen Background sie haben.

          Im null Komma nichts werden sie den Gebrauch von Messer und Gabel erlernt haben und wissen, dass man nicht gleich töten darf, wenn man schlechte Laune hat, und dass es so etwas wie Schrift und Sprache gibt. Denn unser Staat ist groß, stark und ungeheuer leidensfähig, und unsere Bürger sind voll von ewiger Liebe, die nie vergehen wird.

          Ach, eines habe ich vergessen: Lebensmittelgutscheine für die „Paris Bar“, fürs „Borchardt“ und für das „Vau“ bekommt mein Flüchtling auch, damit sich die Milieus besser mischen (Integration) und er nicht immer zu McDonald’s geht und ganz fett wird.

          Damit er mit Nachrichtensprecherinnen, Regierungssprechern und Politikern zusammensitzen darf und richtig geschliffenes Benehmen und Anstandsformen erlernt. Und Einkaufsgutscheine fürs KaDeWe, damit er immer gut riecht, und für seine Frau bekommt er Gutscheine bei Agent Provocateur usw.; und falls er keinen Führerschein hat, werde ich ihm selbstverständlich eine Limousine und einen Fahrer zur Seite stellen.

          Strahlende Gesichter

          Denn ich finde, er hat es verdient, und immerhin sind wir es ihm schuldig, denn wir haben sechs Millionen Juden umgebracht. Deshalb sollten wir auch genauso viele Flüchtlinge aufnehmen.

          Endlich überflutet uns eine Welle von Glück. Ich sehe jeden Tag die strahlenden Gesichter meiner Mitbürger im Bötzow-Viertel, wenn sie ihre großen Plastik-Wundertüten für die Flüchtlinge in den Läden abgeben. Die Herzenskälte, der Überdruss, der Frust, die alltägliche Bitterkeit – alles wie weggeblasen.

          Unser deutscher Mensch geht wieder im Idealismus, seiner Lebensader, mit vollkommen naiver Freude auf. Eine schöne, kollektive Sache. Herrlich für gelangweilte Wohlstandsmütter. Schlafen kann ich dennoch nicht, denn ich frage mich, ob ich vielleicht doch auch noch meine Wohnung hergeben soll, tauschen soll mit einem Platz in einem Auffanglager, eine richtige Grenzerfahrung machen soll...

          Mein Herz klopft laut bei dieser Vorstellung. Nächtelang liegen wir wach, und ich diskutiere das mit meiner Frau: Haben wir wirklich schon genug gegeben? Sollte ich meinem Flüchtling nicht endlich den Platz an meinem Schreibtisch einräumen? Warum opfern wir nicht gleich unsere Lebenskultur, unsere Religion, unseren Wohlstand und vielleicht sogar unser Leben?

          Mit einer großen Ration Schlaftabletten machen wir uns auf den Weg ins Lager. Wir haben alles zurückgelassen, und die Tür zu unserem früheren Leben steht weit offen.

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