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Oskar Pastior : Das Werk

  • -Aktualisiert am

Oskar Pastior Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Oskar Pastior, der diesjährige Träger des Georg-Büchner-Preises, ist der Vertreter einer einzigartigen Dicht-Kunst.

          Man nehme einen Band Pastior und schlage ihn an beliebiger Stelle auf. Ohne zu zögern, beginne man laut zu lesen, wohin das Auge führt. Das Staunen wird kein Ende nehmen. Was man zu begreifen meint, entzieht sich dem wörtlichen Nachfassen.

          Probe aufs Exempel: „Jetzt kann man schreiben was man will“ (Werkausgabe Band 2, Hanser 2003). Der Daumen macht halt auf Seite 185: „Das zweite falsche Gebiß ist eher sättigend. Es benötigt weder Kukuruzkolben, noch ein halbes Dutzend gewiegte Personen, noch anderthalb mal soviel Graupen.“

          Wie bitte? Nach welchem Rezept wird denn hier gekocht? Nach „Fleischeslust“, wie schon der Titel dieser Art Texte besagt. Kochen einmal anders: Textkochen. Ein Metabolismus, der so nur der Poesie möglich ist, eben falscher Hase. Da ist es zur Metabasis nicht weit.

          Infrasprache ohne System

          Deshalb nun ein hingeblätterter Zufallsfund aus „Minze Minze flaumiran Schpektrum“ (Band 3). Wir landen auf Seite 109, bei einem Gedicht mit dem Titel: „Latzomygon“: „Mi mitsch mig / Omykron / mi mitsch mig / phoran / Grom // phoran atzan Grom // Moize myon Gny / Mimozeron / phoran gyan Tom“. Was ist da los? Abzählverse? Hören wir lesend eine phonetische Variante des Handspiels „Schnickschnackschnuck“?

          Sind alle Wörter Eigennamen? Ist der Buchstabe ein Tier? Was hier wie dort anzitiert wird, was sich da wie hier kreuzt und in die fruchtbare Quere kommt, welche Metamorphosen da am Werke sind, welche Versteckspiele, und liest man genauer hin, futsch sind sie, die eben noch erkannten Anspielungen. Pastiors Webstuhl läßt oft gerade da System erkennen, wo gar keines ist, und umgekehrt. Und so ist auch das „Krimgotisch“, in dem „Latzomygon“ aus „Der Krimgotische Fächer“ verfaßt ist, gar keines, nämlich kein System und schon gar keins, dem eine stringente Grammatik zugrunde läge.

          Eher hat jedes krimgotische Einzelgedicht eine eigene Infrasprache, die sich aus bestehenden Sprachen, aus Phantasiesprachen und kindersprachlichen Resten speist. Und wenn's gutgeht, fallen Lesen, Hören, Verstehen, Deuten und Hervorbringen in eins. Damit spielt der Leser und Hörer das Pastiorsche Spiel nach, mit dem Unterschied, daß der Dichter immer einen Schritt voraus ist. Versteck mich, ich fang' dich einmal anders.

          Poesie und Poetik

          Wer staunt? Der Text. Also weiter im Text. Es zählt nur die Genauigkeit. Die das freie Spiel der Nichtkontrolle, daß der Dichter einmal nicht weiß, was er da tut, ja nicht ausschließt. Diese Poesie kann man nur wortwörtlich wiedergeben. Ein idealer Kommentar dieser Poesie wäre ihre wortwörtliche Wiederholung.

          Das ist auch gar nicht so abwegig, finden sich doch eine Reihe von Texten bei Pastior, die Poesie und Poetik in eins sind. Die sich, schön wär's, selber lesen. Die eine Gebrauchsanweisung sind. Man mache das Exempel zur Probe. Bestens geeignet hierzu: „Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch“ (Hanser 1987). Eines der schönsten Bücher, die ich kenne. Man liest es immer wieder. Und nie aus.

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