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Die Kino-Lücke und der Oscar : Stream, Preise und Moral

  • -Aktualisiert am

Gutaussehende Besserverdiener (Colin Firth, Meryl Streep) reden über Moral: Aber vielleicht wird bei den nächsten Oscars ja alles anders. Bild: dpa

Filme, die für den Oscar in Frage kommen, müssen im Kino gelaufen sein – diese Regel galt bis jetzt uneingeschränkt, aber in einem Jahr mit Kinovorführungs-Lücke lässt sich das nicht durchhalten.

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          Bis gerade eben galt bei der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die über die Vergabe der Oscars entscheidet, die Regel, dass ein Film, damit er für die Auszeichnung in Erwägung gezogen werden kann, an mindestens sieben aufeinanderfolgenden Tagen in einem Kino in Los Angeles gezeigt worden sein muss. Die Kinos sind nicht nur dort geschlossen, niemand weiß, wie lange noch.

          Die neue Lage ändert das Verhältnis zwischen technischen Gegebenheiten und institutionellem Verhalten: In der Nacht zum Mittwoch gab die Academy bekannt, man werde beim nächsten Mal, im Februar 2021, auch Filme auszeichnen, die nur per Stream zum Publikum gelangt sind. Täte man das nicht, gäbe es diesmal wenig zu ehren. Bekanntlich feiert sich die Filmbranche bei der Oscar-Gala gern als ethische Instanz: Die hübschesten Großverdienergesichter halten da moralisch hochwertige Reden für Fleischverzicht oder Geflüchtetenhilfe, und ihre kritischen Posen passen zum Anspruch vieler Filme, die Hollywood ins Oscarrennen zu schicken pflegt, beim letzten Mal etwa „Dark Waters“ über die giftigen Machenschaften des Chemiekonzerns Dupont oder „Bombshell“ über die heillosen Zustände beim Medienkonzern Fox News.

          Für Schwestern nur Applaus und Ständchen

          Man klagt an, man ruft zum Handeln auf. Die in der amerikanischen Kulturindustrie geläufige Begründung für dergleichen Engagement hört auf den vom keineswegs linksliberalen Medienprofi Andrew Breitbart gefundenen Namen „politics and morals are downstream from popular culture“, zu deutsch: Politik und Moral liegen stromabwärts der populären Kultur. Soll heißen: Was die Leute in Songs hören, im Kino sehen oder sich beim Festakt erzählen lassen, formt ihre Werte. Wenn das stimmt, dann könnte die neue Lage, die das Verhältnis zwischen den technischen Gegebenheiten und dem institutionellen Verhalten ändert, auch dazu führen, dass die Filmschaffenden, die nächstes Jahr bei den Oscars die ökonomische Macht der Streamingdienste endlich als Kulturmacht anerkennen müssen, statt nach Dupont und Fox News auch mal nach Disney und Netflix, nach deren Moral und Politik fragen.

          Weitere Veränderungen nach demselben Muster sind denkbar: Bis gerade eben galt etwa die Regel, dass Banker in der Krise Rettungsgeld aus dem Steuertopf kriegen, aber Krankenschwestern nur Applaus und ein Ständchen. Bis gerade eben galt ferner die Regel, dass Streiks zur Erzwingung besserer Arbeitsbedingungen heutzutage wegen der Globalisierung nichts bringen, da Konzerne stets in Billiglohnländer ausweichen können und Versorgungsketten weit über die Reichweite eines Streikbeschlusses hinausgreifen. Auch da gibt‘s derzeit eine neue Lage, bereits erkannt von streikenden Beschäftigten im Fiat-Werk von Pomigliano d‘Arco bei Neapel. Man sieht: Die aufregenden politischen Filmstoffe häufen sich. Ob Hollywood ihnen gewachsen ist?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

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