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Oscar-Verleihung 2012 : Alles andere als ein stummer Triumph

Vorne warme Worte, hinten einen Happen für den Hund: Die Preisträger des Films „The Artist“ auf der Oscar-Bühne Bild: dapd

Die Nostalgie lebt! Bei der Oscar-Verleihung wird „The Artist“ zum Film des Jahres. Ein kleines deutsches Wunder gibt es auch – allerdings nur dank Sandra Bullock. Und eine Veranstaltung, die man im letzten Jahr schon gern totgesagt hätte, erlebt ein Comeback: die Verleihungszeremonie selbst.

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          Falls es noch etwas nostalgischer geworden wäre bei der heutigen Oscar-Verleihung (na ja, „heute“ für uns deutsche Nachteulen, die sich die Sache einfach nicht entgehen lassen können), hätte man gar keinen Gedanken mehr daran verschwenden müssen, ob der gerade mal fünfzigjährige Eddie Murphy als Moderator nicht doch die bessere Wahl als der dreiundsechzigjährige Billy Crystal gewesen wäre. Aber Murphy hatte ja abgesagt, als sein Freund, der Regisseur Brett Ratner, wegen homophober Äußerungen geschasst worden war. So verpasste Murphy den großen afroamerikanischen Triumph bei der Oscar-Verleihung. Denn eindrucksvoller als Octavia Spencer ihren Oscar als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in „The Help“, einem tränentreibenden Film, der die Schwarzen-Emanzipation in den Vereinigten Staaten am Beispiel eines wohlhabenden weißen Haushalts und seiner farbigen Bediensteten erzählt, in Empfang nahm, wurde nichts mehr im Laufe des Abends. Selbst tränengetrieben, sagte sie am Schluss ihres Danks nur noch „I’m freakin’ out“. Und das Publikum, das eh schon stand, tat es ihr nach. Das verpasst zu haben, darf man Ihr Pech nennen, Mr Murphy! Und unser Glück, denn Ihr Ersatzmann Billy Crystal war schon sehr komisch.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Überraschend war das nicht. Der Mann ist Veteran und hat die Zeremonie nunmehr schon zum neunten Mal erfolgreich über die Bühne gebracht. Und mit all den Manierismen, die ihm die Oscar-Favoriten „The Artist“ und „Hugo“ gestattet haben, war er natürlich bestens bedient. Man darf nicht gleich ein Akrostichon erwarten, aber was Crystal mit Worten alles machen kann (mit seinem Gesicht und seinen Beinen sowieso), das ist schon bemerkenswert. Gerne bis zur Pensionierungsgrenze noch häufiger (und die liegt ja bei 75 Jahren, wie Bob Hopes Moderation im Jahr 1978 bewiesen hat).

          Rentner auf der Bühne, das hätte in meiner Erwartung noch besser gepasst, denn im Vorjahr hatte die Oscar-Verleihung ziemlich alt ausgesehen. Kein Jüngerer als Morgan Freeman (Jahrgang 1937) machte auch diesmal den Grüß-August für die Verleihung, aber dann ging es ab: Mit einer aufwendigen Parodie auf die nominierten Filme, in der Billy Crystal von George Clooney wachgeküsst wurde – hinreißend. Wie auch seine Charakterisierung der Oscar-Zeremonie als geeigneter Kommentar auf die Wirtschaftskrise: Millionäre schanzen sich selbst goldene Statuetten zu. Und dann tanzte und sang Crystal die Vorstellung der neun um den Titel „Bester Film“ konkurrierenden Werke. Ja, so geht’s! Aber als besten Hauptdarsteller konnte man den Moderator ja schlecht nachnominieren.

          Keine Frage des Alters

          Mal im Ernst, er hätte es verdient gehabt. Und diesmal wurden die Oscars ohnehin so breit gestreut wie selten. Den einen ganz großen Abräumer sollte es am Ende nicht geben. Einer der beiden prognostizierten Hauptkombattanten war „Hugo“ von Martin Scorsese – eine Hommage ans ganz neue (3D) und ganz alte Filmgeschäft (Georges Méliès), wie jeder weiß. Der andere Hauptkombattant war „The Artist“ von Michel Hazanavicius (uff, richtig geschrieben) – eine Hommage nur ans ganz alte Filmgeschäft (Stummfilm), wie jeder weiß. Dazu kamen etliche zusätzliche Filme mit nostalgischen Themen („The Help“, „The Tree of Life“, „Midnight in Paris“, „War Horse“). Der einzige Film unter den Favoriten, der ganz im Hier und Jetzt angesiedelt ist, Alexander Paynes „The Descendants“, galt als chancenlos. Selbst sein Hauptdarsteller George Clooney, der auf dem Roten Teppich den Sieg von „The Descendants“ vorausgesagt hatte, lächelte dabei verschämt. Und wir lachten mit.

          In Gestalt des Oscars für sein Drehbuch hat „The Descendants“ aber weitaus mehr als einen Trostpreis davongetragen. Allerdings hatte man auch fest mit einem Oscar für Clooney gerechnet – mindestens ebenso sicher wie mit dem, den Meryl Streep für ihre Rolle als Margaret Thatcher in „The Iron Lady“ bekam. Es sollte anders kommen als gedacht. Aber wir sind weit vorausgeeilt. Denn die Hauptdarsteller wurden ja erst ganz am Schluss geehrt.

          Cinematography war die erste Kategorie – also der Preis für den besten Kameramann. Und das war auch schon der erste Preis für „Hugo“. Robert Richardson hielt sich in seiner Dankesrede an die 15-Sekunden-Regel. Das italienische Ehepaar Francesca Lo Schiavo und Dante Ferretti, das direkt danach in der Kategorie „Art Direction“ den zweiten Oscar für „Hugo“ holte, widmete die Auszeichnung in etwas längerer, charmant akzentgefärbter Rede seinem Heimatland Italien. Der „Hugo“-Regisseur und -Produzent Martin Scorsese, der berühmteste lebende Amerikaner italienischer Abstammung, hörte es mit Freude. Sein Abend ging grandios los. Auch wenn dem Konkurrenten „The Artist“ mit dem Oscar für Kostümentwürfe gleich wieder der Anschlusspreis zum 1 zu 2 gelang. Und auf den Stummfilm sollte die Sprache in dieser Nacht noch kommen.

          Heute musste es nicht mehr notwendig Englisch sein. Das merkte man, als Sandra Bullock die Verleihung des Oscars für den besten fremdsprachigen Film in tadellosem Deutsch einleitete. Dabei war „Pina“ von Wim Wenders in dieser Kategorie gar nicht nominiert. Verloren hätte er aber auch hier, denn gegen den iranischen Film „Nader und Simin“ (auf Englisch: „A Separation“), der 2011 schon den Goldenen Bär der Berlinale gewonnen hatte, war kein Kraut gewachsen. Sein Regisseur Asghar Farhadi nahm die Option war, die kulturenverbindende Kraft des Kinos zu preisen – was angesichts der aktuellen Spannungen um die iranische Politik erwartbar war. In Farhadis Heimatland wird man aber wohl vor allem feiern, dass sein Film über den israelischen Konkurrenten „Footnote“ siegte.

          Aber wir vergessen den Zweikampf zwischen „The Artist“ und „Hugo“. Letzterer führte nach neun Kategorien bereits 4 zu 1. Dann kamen zwei Oscars, für die beide nicht nominiert waren (unter anderem der Animationspreis für „Rango“, völlig verdient), und weiter ging es erst wieder mit den Visual Effects, die abermals „Hugo“ vorne sahen – 5 zu 1. Das sah allmählich nach einem Kantersieg aus.

          Es gab aber noch ein großes Duell: das der Schauspielveteranen Christopher Plummer und Max von Sydow als jeweils beste Nebendarsteller. Da beide zweiundachtzig sind, würde derjenige von ihnen, der den Oscar erhielte, zum ältesten Schauspieler, der die Trophäe jemals gewonnen hat. Dass die drei Jungspunde, die auch in dieser Kategorie nominiert waren, da keine Chance hatten, war klar. Und Plummer war es, der für seine Rolle eines alten Vaters, der sein homosexuelles Coming-out erlebt („Beginners“ heißt der Film, in den deutschen Kinos war er schon vor einem halben Jahr), ausgezeichnet wurde. Ihm gehört dann trotz Crystals Witz der beste Satz der ganzen Preisverleihung, als er die goldene Statue begrüßte: „Liebling, du bist nur zwei Jahre älter als ich. Wie kommt es, dass wir uns bislang nicht getroffen haben?“

          Lediglich zwei Nominierte gab es für das beste Lied. Billiger als Bret McKenzie für seinen Song „Man or Muppet“ aus dem neuen Muppets-Film hat denn wohl auch noch niemand einen Oscar gewonnen. Bei der Filmmusik dagegen hatten „Hugo“ und „The Artist“ wieder einmal eine unmittelbare Auseinandersetzung, die Ludovic Bource für sich und damit für „The Artist“ entscheiden konnte: nur noch 5 zu 2 für „Hugo“.

          Wann hat ein Franzose je so geliebt?

          Alles war nun bereitet für die großen sechs Preise zum Finale: Drehbücher, Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller, beste Regie, bester Film. Als bestes adaptiertes Drehbuch wurden Alexander Payne, Nat Faxon und Jim Rash für „The Descendants“ ausgezeichnet – „Hugo“ ging leer aus. Zum besten Original-Drehbuch wurde „Midnight in Paris“ von Woody Allen (der natürlich wieder nicht persönlich erschienen war) gewählt – „The Artist“ ging leer aus. Stand im großen Kampf also immer noch 5 zu 2.

          Leichtgewichtige Kategorien in der Gunst des Publikums sind die Kurzfilme (Realfilm, Dokumentarfilm, Animationsfilm). Aber da darin häufig Deutsche nominiert sind, sind sie für uns hiesige Nachteulen allemal von Interesse. Diesmal waren Max Zähle und Stefan Gieren im Segment Realfilm für uns im Rennen, und sie konnten leider auch keinen Oscar mit nach Hause bringen. Über den Atlantik aber ging der Preis doch: an den irischen Kurzfilm „The Shore“. Die beiden Oscars für „Saving Face“ (Dokumentation) und „The Fantastic Flying Books of Mr Morris Lessmore“ (Animation) blieben dann in den Vereinigten Staaten.

          Taktvoll und souverän, wie man es bei dieser Siegerin hätte erwarten dürfen, fiel die Dankesrede von Meryl Streep als beste Darstellerin nicht aus. Große Emotionen – obwohl es ja schon ihr dritter Oscar war –, stehende Ovationen wie schon bei Octavia Spencer und Christopher Plummer. Und doch war das nicht der emotionalste Auftritt zum Finale. Denn den lieferte Jean Dujardin, der den Oscar für seine Hauptrolle in „The Artist“ erhielt und sich gar nicht mehr beruhigen konnte. Der Satz „I love your country“ dürfte in Amerika bislang nur wenigen Franzosen über die Lippen gekommen sein. Und ein solches Triumphgebrüll am Schluss wohl kaum je einem anderen Oscargewinner. Aber wer hätte schon mit dem Preis für Dujardin gerechnet? Oder mit der Aufholjagd von „The Artist“? Denn es gab am Schluss tatsächlich noch die große Wende des Abends.

          Hazanavicius (Schreibweise zum zweiten Mal geglückt!) war es nämlich, der für „The Artist“ als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Und das war ein Vorzeichen dafür, dass Martin Scorsese mit „Hugo“ doch derjenige sein würde, der im Zweikampf unterliegt – nicht nach der absoluten Zahl von Oscars für seinen Film, aber eben in den wichtigsten Kategorien. Und so kam es: „The Artist“ wurde auch als bester Film ausgezeichnet, als erster Stummfilm seit 1928.

          Ergebnis des großen Zweikampfs am Schluss also, etwas paradox formuliert: 5 zu 5 für „The Artist“. Originalität hat über Perfektion gesiegt. Witz über Pathos. Reine Tradition über aktualisierte. Und Scorsese hat seinen Oscar ja auch schon.

          Natürlich war aber der bewegendste Moment in den knapp mehr als drei Stunden Oscar-Verleihung die Toten-Ehrung, die Jahr für Jahr an die Verstorbenen des Filmgeschäfts erinnert. Nachdem daraus im letzten Jahr fast ein Einzelmemorial geworden wäre, wählte man diesmal wieder die bewährte Form der zu elegischer Musik (diesmal „What a Wonderful World“) aneinandergeschnittenen Porträts, leider meist ohne die früher üblichen kurzen Filmszenen. Trotzdem freut es, dabei zuzusehen, wie Hollywood seiner Verstorbenen gedenkt – gerade weil man viele davon so sehr vermisst. Und für uns deutsche Nachteulen, die wir uns die Sache einfach nicht entgehen lassen können, sei hier noch der Tote des letzten Jahres in Erinnerung gerufen, an den wir nicht nur bei diesem Anlass oft gedacht haben: Michael Althen, Kollege, Filmkenner, Nachteule, unvergessen.

          Die wichtigsten Preisträger

          Bester Film: „The Artist“ (Regie: Michel Hazanavicius, Produzent:
          Thomas Langmann)
          Regie: Michel Hazanavicius („The Artist“)
          Hauptdarsteller: Jean Dujardin („The Artist“)
          Hauptdarstellerin: Meryl Streep („Die Eiserne Lady“)
          Nebendarstellerin: Octavia Spencer („The Help“)
          Nebendarsteller: Christopher Plummer („Beginners“)

          Nicht-englischsprachiger Film: „Nader und Simin - Eine Trennung“
          (Iran, Regie: Asghar Farhadi)
          Animationsfilm: „Rango“ (Regie: Gore Verbinski)
          Dokumentarfilm: „Undefeated“ (Regie: TJ Martin, Dan Lindsay and
          Rich Middlemas)
          Original-Drehbuch: Woody Allen („Midnight in Paris“)
          Adaptiertes Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash („The
          Descendants - Familie und andere Angelegenheiten“)

          Kamera: Robert Richardson („Hugo Cabret“)
          Schnitt: Kirk Baxter und Angus Wall („Verblendung“/„The Girl with
          the Dragon Tattoo“)

          Spezialeffekte: Rob Legato, Joss Williams, Ben Grossmann und Alex
          Henning („Hugo Cabret“)
          Kostümdesign: Mark Bridges („The Artist“)
          Ausstattung: Dante Ferreti und Francesca Lo Schiavo („Hugo Cabret“)
          Make-up: Mark Coulier und J. Roy Helland („Die Eiserne Lady“)
          Filmmusik: Ludovic Bource („The Artist“)
          Filmsong: „Man or Muppet“ (Bret McKenzie, „Die Muppets“)

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