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Oscar-Verleihung 2012 : Alles andere als ein stummer Triumph

Wann hat ein Franzose je so geliebt?

Alles war nun bereitet für die großen sechs Preise zum Finale: Drehbücher, Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller, beste Regie, bester Film. Als bestes adaptiertes Drehbuch wurden Alexander Payne, Nat Faxon und Jim Rash für „The Descendants“ ausgezeichnet – „Hugo“ ging leer aus. Zum besten Original-Drehbuch wurde „Midnight in Paris“ von Woody Allen (der natürlich wieder nicht persönlich erschienen war) gewählt – „The Artist“ ging leer aus. Stand im großen Kampf also immer noch 5 zu 2.

Leichtgewichtige Kategorien in der Gunst des Publikums sind die Kurzfilme (Realfilm, Dokumentarfilm, Animationsfilm). Aber da darin häufig Deutsche nominiert sind, sind sie für uns hiesige Nachteulen allemal von Interesse. Diesmal waren Max Zähle und Stefan Gieren im Segment Realfilm für uns im Rennen, und sie konnten leider auch keinen Oscar mit nach Hause bringen. Über den Atlantik aber ging der Preis doch: an den irischen Kurzfilm „The Shore“. Die beiden Oscars für „Saving Face“ (Dokumentation) und „The Fantastic Flying Books of Mr Morris Lessmore“ (Animation) blieben dann in den Vereinigten Staaten.

Taktvoll und souverän, wie man es bei dieser Siegerin hätte erwarten dürfen, fiel die Dankesrede von Meryl Streep als beste Darstellerin nicht aus. Große Emotionen – obwohl es ja schon ihr dritter Oscar war –, stehende Ovationen wie schon bei Octavia Spencer und Christopher Plummer. Und doch war das nicht der emotionalste Auftritt zum Finale. Denn den lieferte Jean Dujardin, der den Oscar für seine Hauptrolle in „The Artist“ erhielt und sich gar nicht mehr beruhigen konnte. Der Satz „I love your country“ dürfte in Amerika bislang nur wenigen Franzosen über die Lippen gekommen sein. Und ein solches Triumphgebrüll am Schluss wohl kaum je einem anderen Oscargewinner. Aber wer hätte schon mit dem Preis für Dujardin gerechnet? Oder mit der Aufholjagd von „The Artist“? Denn es gab am Schluss tatsächlich noch die große Wende des Abends.

Hazanavicius (Schreibweise zum zweiten Mal geglückt!) war es nämlich, der für „The Artist“ als bester Regisseur ausgezeichnet wurde. Und das war ein Vorzeichen dafür, dass Martin Scorsese mit „Hugo“ doch derjenige sein würde, der im Zweikampf unterliegt – nicht nach der absoluten Zahl von Oscars für seinen Film, aber eben in den wichtigsten Kategorien. Und so kam es: „The Artist“ wurde auch als bester Film ausgezeichnet, als erster Stummfilm seit 1928.

Ergebnis des großen Zweikampfs am Schluss also, etwas paradox formuliert: 5 zu 5 für „The Artist“. Originalität hat über Perfektion gesiegt. Witz über Pathos. Reine Tradition über aktualisierte. Und Scorsese hat seinen Oscar ja auch schon.

Natürlich war aber der bewegendste Moment in den knapp mehr als drei Stunden Oscar-Verleihung die Toten-Ehrung, die Jahr für Jahr an die Verstorbenen des Filmgeschäfts erinnert. Nachdem daraus im letzten Jahr fast ein Einzelmemorial geworden wäre, wählte man diesmal wieder die bewährte Form der zu elegischer Musik (diesmal „What a Wonderful World“) aneinandergeschnittenen Porträts, leider meist ohne die früher üblichen kurzen Filmszenen. Trotzdem freut es, dabei zuzusehen, wie Hollywood seiner Verstorbenen gedenkt – gerade weil man viele davon so sehr vermisst. Und für uns deutsche Nachteulen, die wir uns die Sache einfach nicht entgehen lassen können, sei hier noch der Tote des letzten Jahres in Erinnerung gerufen, an den wir nicht nur bei diesem Anlass oft gedacht haben: Michael Althen, Kollege, Filmkenner, Nachteule, unvergessen.

Die wichtigsten Preisträger

Bester Film: „The Artist“ (Regie: Michel Hazanavicius, Produzent:
Thomas Langmann)
Regie: Michel Hazanavicius („The Artist“)
Hauptdarsteller: Jean Dujardin („The Artist“)
Hauptdarstellerin: Meryl Streep („Die Eiserne Lady“)
Nebendarstellerin: Octavia Spencer („The Help“)
Nebendarsteller: Christopher Plummer („Beginners“)

Nicht-englischsprachiger Film: „Nader und Simin - Eine Trennung“
(Iran, Regie: Asghar Farhadi)
Animationsfilm: „Rango“ (Regie: Gore Verbinski)
Dokumentarfilm: „Undefeated“ (Regie: TJ Martin, Dan Lindsay and
Rich Middlemas)
Original-Drehbuch: Woody Allen („Midnight in Paris“)
Adaptiertes Drehbuch: Alexander Payne, Nat Faxon, Jim Rash („The
Descendants - Familie und andere Angelegenheiten“)

Kamera: Robert Richardson („Hugo Cabret“)
Schnitt: Kirk Baxter und Angus Wall („Verblendung“/„The Girl with
the Dragon Tattoo“)

Spezialeffekte: Rob Legato, Joss Williams, Ben Grossmann und Alex
Henning („Hugo Cabret“)
Kostümdesign: Mark Bridges („The Artist“)
Ausstattung: Dante Ferreti und Francesca Lo Schiavo („Hugo Cabret“)
Make-up: Mark Coulier und J. Roy Helland („Die Eiserne Lady“)
Filmmusik: Ludovic Bource („The Artist“)
Filmsong: „Man or Muppet“ (Bret McKenzie, „Die Muppets“)

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