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Oscar-Verleihung 2012 : Alles andere als ein stummer Triumph

In Gestalt des Oscars für sein Drehbuch hat „The Descendants“ aber weitaus mehr als einen Trostpreis davongetragen. Allerdings hatte man auch fest mit einem Oscar für Clooney gerechnet – mindestens ebenso sicher wie mit dem, den Meryl Streep für ihre Rolle als Margaret Thatcher in „The Iron Lady“ bekam. Es sollte anders kommen als gedacht. Aber wir sind weit vorausgeeilt. Denn die Hauptdarsteller wurden ja erst ganz am Schluss geehrt.

Cinematography war die erste Kategorie – also der Preis für den besten Kameramann. Und das war auch schon der erste Preis für „Hugo“. Robert Richardson hielt sich in seiner Dankesrede an die 15-Sekunden-Regel. Das italienische Ehepaar Francesca Lo Schiavo und Dante Ferretti, das direkt danach in der Kategorie „Art Direction“ den zweiten Oscar für „Hugo“ holte, widmete die Auszeichnung in etwas längerer, charmant akzentgefärbter Rede seinem Heimatland Italien. Der „Hugo“-Regisseur und -Produzent Martin Scorsese, der berühmteste lebende Amerikaner italienischer Abstammung, hörte es mit Freude. Sein Abend ging grandios los. Auch wenn dem Konkurrenten „The Artist“ mit dem Oscar für Kostümentwürfe gleich wieder der Anschlusspreis zum 1 zu 2 gelang. Und auf den Stummfilm sollte die Sprache in dieser Nacht noch kommen.

Heute musste es nicht mehr notwendig Englisch sein. Das merkte man, als Sandra Bullock die Verleihung des Oscars für den besten fremdsprachigen Film in tadellosem Deutsch einleitete. Dabei war „Pina“ von Wim Wenders in dieser Kategorie gar nicht nominiert. Verloren hätte er aber auch hier, denn gegen den iranischen Film „Nader und Simin“ (auf Englisch: „A Separation“), der 2011 schon den Goldenen Bär der Berlinale gewonnen hatte, war kein Kraut gewachsen. Sein Regisseur Asghar Farhadi nahm die Option war, die kulturenverbindende Kraft des Kinos zu preisen – was angesichts der aktuellen Spannungen um die iranische Politik erwartbar war. In Farhadis Heimatland wird man aber wohl vor allem feiern, dass sein Film über den israelischen Konkurrenten „Footnote“ siegte.

Aber wir vergessen den Zweikampf zwischen „The Artist“ und „Hugo“. Letzterer führte nach neun Kategorien bereits 4 zu 1. Dann kamen zwei Oscars, für die beide nicht nominiert waren (unter anderem der Animationspreis für „Rango“, völlig verdient), und weiter ging es erst wieder mit den Visual Effects, die abermals „Hugo“ vorne sahen – 5 zu 1. Das sah allmählich nach einem Kantersieg aus.

Es gab aber noch ein großes Duell: das der Schauspielveteranen Christopher Plummer und Max von Sydow als jeweils beste Nebendarsteller. Da beide zweiundachtzig sind, würde derjenige von ihnen, der den Oscar erhielte, zum ältesten Schauspieler, der die Trophäe jemals gewonnen hat. Dass die drei Jungspunde, die auch in dieser Kategorie nominiert waren, da keine Chance hatten, war klar. Und Plummer war es, der für seine Rolle eines alten Vaters, der sein homosexuelles Coming-out erlebt („Beginners“ heißt der Film, in den deutschen Kinos war er schon vor einem halben Jahr), ausgezeichnet wurde. Ihm gehört dann trotz Crystals Witz der beste Satz der ganzen Preisverleihung, als er die goldene Statue begrüßte: „Liebling, du bist nur zwei Jahre älter als ich. Wie kommt es, dass wir uns bislang nicht getroffen haben?“

Lediglich zwei Nominierte gab es für das beste Lied. Billiger als Bret McKenzie für seinen Song „Man or Muppet“ aus dem neuen Muppets-Film hat denn wohl auch noch niemand einen Oscar gewonnen. Bei der Filmmusik dagegen hatten „Hugo“ und „The Artist“ wieder einmal eine unmittelbare Auseinandersetzung, die Ludovic Bource für sich und damit für „The Artist“ entscheiden konnte: nur noch 5 zu 2 für „Hugo“.

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