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Video-Filmkritik : Am Wendekreis des Schmerzes

Bild: dpa

Wie man aus einem guten Stoff einen großen Film macht: Kenneth Lonergans Film „Manchester by the Sea“ erzählt auf anrührende Weise davon, wie das Leben nach einer Familientragödie weitergeht.

          Am Anfang fahren zwei Männer und ein Junge in einem Fischtrawler hinaus aufs Meer. Der jüngere Mann ist der Onkel, der ältere der Vater des Jungen; sie lachen, schauen aufs Wasser, reden über Haie, trinken Bier. Dann sieht man den jüngeren Mann vor einem Mietshaus Schnee schaufeln. Seine Miene ist versteinert, sein Blick bleibt leer, während er drinnen im Haus verstopfte Toiletten und ausgefallene Heizungen repariert und von Mieterinnen mit begehrlichen Blicken gestreift wird. Es sind offenbar zwei Zeiten, zwei Lebensphasen, die hier zusammentreffen, und eine Zeitlang stehen sie nebeneinander, ohne dass man die Bilder sortieren und in eine Reihenfolge bringen könnte. Dann bekommt Lee, der Mann im Schnee, einen Anruf: Sein Bruder Joe ist an einem Herzinfarkt gestorben. Die schlimme Zeit, die Winterzeit, begreift man, ist das Jetzt, die Gegenwart.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Kenneth Lonergans Film „Manchester by the Sea“ erzählt von zwei Brüdern, ihren Familien und einem Städtchen am Atlantik, an der amerikanischen Ostküste. Vor allem aber erzählt er von der Zeit. Sie heile alle Wunden, heißt es, aber das ist nicht wahr: Sie deckt sie nur zu. Die Zeit, die vergangen ist, seit Lee Chandler aus Manchester-by-the-Sea nach Boston zog, um einen Job als Hausmeister anzunehmen, hat seine Wunde zugedeckt, aber der Anruf, der ihn beim Schneeschippen ereilt, reißt sie wieder auf. Er steigt ins Auto. Und er erinnert sich. An den Tag, an dem sein Bruder zum ersten Mal im Krankenhaus lag. Und an die Tage, an denen er selbst eine Familie hatte, eine Frau und drei kleine Kinder. Jetzt hat Lee nur noch einen Haufen Zeit.

          Eine Kunst wie andere auch

          Lonergans Film ist nicht sentimental. Er legt keine Geigen auf die Tonspur, um Lees Leid zu beschwören. Er zeigt nur, wie die Erinnerung in Schüben aus seinem Gedächtnis quillt, während er ins Krankenhaus fährt, um die Leiche seines Bruders zu sehen und das Begräbnis vorzubereiten, das wegen der kalten Jahreszeit verschoben werden muss. Da sind die Fahrten auf dem Boot, die Nachmittage zu Hause, die Partys mit Freunden. Da ist die Nacht, in der Lee, der getrunken hat, zu Fuß losgeht, um einzukaufen. Und dann, auf dem Heimweg, das Unfassbare, das ihn bis heute verfolgt.

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          Wie man das wirkliche Leben oder das, was wir dafür halten, auf die Leinwand bringt, darüber haben sich Generationen von Regisseuren die Köpfe zerbrochen. Im Grunde ist es die Frage des Kinos überhaupt. Die jungen Wilden der Dogma-Bewegung haben sie dadurch gelöst, dass sie alles Künstliche aus den Bildern verbannten, Lampenlicht, Studioton, Kulissen. Andere versuchen der Realität mit modernster Technik auf die Schliche zu kommen, mit Minikameras, Drohnen und Sensoren. Das Resultat ist meistens Krampf. Am Ende führt kein Weg an der Einsicht vorbei, dass man die Wirklichkeit konstruieren muss, um sie einzufangen; dass also der sogenannte Realismus eine Kunst ist wie andere auch, mit ähnlichen Kniffen und Tricks. Eben darum tut es so gut, „Manchester by the Sea“ zu sehen. Denn der Film gibt sich erst gar keine Mühe, seine Kunstgriffe zu verbergen. Er konfrontiert die Bilder seiner fiktiven Gegenwart mit den Bildern in Lees Kopf, und manchmal weiß er selbst nicht, welche davon wirklicher sind. Und genau das ist die realistischste Art, von einem Mann zu erzählen, der das Glück seines Lebens unwiederbringlich verloren hat.

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