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Kommentar : #OscarsSoWhite war einmal

  • -Aktualisiert am

Adam Driver und John David Washington in „BlacKkKlansman“ Bild: AP

Wer auch immer gewinnt: Die Oscars sind in diesem Jahr so sehr vom Wunsch nach sozialer Repräsentation geprägt wie noch nie.

          Was haben „Drei Bruchpiloten in Paris“ mit den Oscars zu tun, die am Sonntag in Los Angeles vergeben werden? Die Klamotte mit Louis de Funès aus dem Jahr 1966 steht in Alfonso Cuaróns „Roma“ für eine untergegangene Epoche des Kinos: In einem prächtigen Palast sieht die Bedienstete Cleo den Film, wenig später ist sie schwanger, alles ist mit natürlichen Dingen zugegangen, aber der Vater verschwindet bald, und die junge, indigene Frau bleibt mit einem Kind im Bauch zurück, das ihr im Grunde das Kino gemacht hat. Sie trägt eine Phantasie im Leib, die größer ist als das Leben.

          Die Geburtsszene des Kindes wird dann auch zu einem Schlüsselmoment für den ganzen Film. Denn „Roma“ handelt nicht zuletzt davon, dass ein bürgerlicher Sohn sich einer indigenen Wahlverwandtschaft besinnt – er ist das Kind, das Cleo im übertragenen Sinn zur Welt bringt.

          Am Sonntag könnten einander das Dienstmädchen und der längst groß gewordene Junge in einem glamourösen Rahmen wieder begegnen, denn bei den Oscars ist Yalitza Aparicio, eine indigene Debütantin, in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin nominiert – und Alfonso Cuarón als Regisseur. „Roma“, eine Netflix-Produktion, zählt zu den großen Favoriten. Interessant ist das nicht so sehr wegen der typischen Oscar-Standards, die dieser elegische Schwarzweißfilm besonders gut zu erfüllen scheint: „Roma“ ist mehr als ein herausragendes Erinnerungsbeschwörungskunststück. Der Film handelt aus, was bei den Oscars in diesem Jahr deutlicher denn je im Zentrum stehen wird: An der längst alles bestimmenden Frage der gesellschaftlichen Repräsentation werden alle Entscheidungen der Academy gemessen werden.

          Hollywood als produktive Illusion

          Es wird sicher auch wieder die Unverbesserlichen geben, die noch unken, wo denn die klassischen Kriterien für gute Filme blieben, wenn ein Blockbuster wie „Black Panther“ gegen eine höhnische Komödie wie „BlacKkKlansman“ und gegen einen Kostümfilm um lesbische Kabale am englischen Hof im achtzehnten Jahrhundert („The Favourite“ von dem griechischen Formalisten Giorgos Lanthimos) antritt? Gute Filme sind auch heute noch solche, die es vermögen, der Welt eine neue Dimension hinzuzufügen – anstatt deren Widersprüche naiv zu überspielen oder gar ideologisch zu verstärken. Gute Oscar-Filme aber haben eine andere Funktion: Sie müssen zu der produktiven Illusion beitragen, dass die Chiffre „Hollywood“ weiterhin ihre universale Strahlkraft behält.

          Die Globalisierung auch der Filmindustrie trägt dazu ohnehin bei: Auch in Deutschland bekamen in den letzten Wochen hiesige Mitglieder der American Academy einen Stapel mit DVDs und schickten dann ihre Stimmen nach Los Angeles. Florian Henckel von Donnersmarck gibt sich in Deutschland als unermüdlicher Prediger des Mythos Hollywood, hat aber offensichtlich einen sehr naiven Begriff davon – sein „Werk ohne Autor“ wirkt im diesjährigen Aufgebot wie ein Relikt aus einer anderen Ära.

          Vor allem aber hat die Strahlkraft durch die technologische und digital-infrastrukturelle Übermacht der Vereinigten Staaten einen neuen Hintergrund bekommen: Auch in dieser Hinsicht ist „Roma“ der Schlüsselfilm – dass er sowohl bester Film als auch bester fremdsprachiger Film werden kann, sagt im Grunde schon alles. Alfonso Cuarón ist Mexikaner, er traf auf das Kino in Gestalt eines frühen Blockbusters wie „Drei Bruchpiloten in Paris“, was gewiss ein ironisches Ablenkungsmanöver von einer bildungsbürgerlichen Sozialisation ist.

          Aber Cuarón hat daraus alle richtigen Schlüsse gezogen, die ihm als in seiner Welt auch privilegiertem Menschen möglich waren. Ein Oscar für Yalitza Aparicio, die Cuarón als Regisseur gleichsam zur Welt gebracht hat, wäre der logische Tribut. Und zugleich eine Abkürzung der Academy in eine universalistische Zukunft, die derzeit fraglicher ist denn je.

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