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Oscars-Kommentar : Das hat fast überhaupt nicht wehgetan

Wenn doch alles so gewesen wäre wie die Dankesrede von Spike Lee: Das wäre eine schöne Oscarnacht gewesen. Bild: AFP

Wie viel biedere Politik verträgt Kino? Bei der Oscar-Verleihung spielte diese Frage zunächst eine akzeptable Nebenrolle, aber auf der Zielgeraden ging’s schief.

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          Beinahe wär‘s gutgegangen. Keine fixe, einer einzigen Person anvertraute Moderation bei der Oscarverleihung, das hieß, niemand hält ermüdend zwangswitzige Moralreden gegen Donald Trump, die, je länger sie jede Late-Night-Show dominieren, immer deutlicher als das ängstliche und hilflose Pfeifen der weltoffenen Gemeinschaft der Kunst- und Unterhaltungsschaffenden der Vereinigten Staaten im dunklen Wald der populistischen Reality-Show-Präsidentschaft zu erkennen sind, um die sich’s dabei handelt. Weil keine derartige Satirepredigt stattfand, hatte die altmodische Idee, es könnte bei der Oscarnacht um Filme gehen und darum, ob sie gut sind, immerhin Luft zum Atmen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich gab es trotzdem politische Stellungnahmen: Javier Bardem schimpfte Mauern in einer Sprache aus, die Trump nie sprechen wird, der nette Koch José Andrés nahm für Menschenrechte Partei, und der schwarze Politiker John Lewis erinnerte daran, dass Politik was Politisches ist. Aber im Großen und Ganzen war die Gala halbwegs auf der Höhe von Spike Lee, der mit seiner Dankesrede den Unterschied zwischen Persönlichkeit, Überzeugung, Kunstwillen und Kunstvermögen einfach zu einer einzigen Erscheinung zusammenklammerte, der seinen nämlich, und das heisst dann, dass die Preise für die Ausstattung von „Black Panther“, die beste Regie für Alfonso Cuaróns „Roma“ oder die beste weibliche Nichthauptrollenleistung für Regina King (in „If Beale Street Could Talk“) eben nicht wie Manifestationen von Wohlwollen seitens der Abstimmenden für Schwarze, Frauen, indigene Menschen aus Mexiko oder sonstige Benachteiligte, Unterdrückte, Ausgebeutete, Alleingelassene, Eingeschlossene, Ausgegrenzte wirkten, sondern wie Preise für Kunst, die auch deshalb gut ist, weil sie nicht von irgendwas Beliebigem handelt, sondern von Sachen, mit denen das Publikum irgendwie zurechtkommen muss, die es irgendwie bessern oder ändern sollte, was eventuell ja eher klappt, wenn so ein Publikum dank Kunst seine Erfahrungsdecke ein bißchen aufgeschüttelt, seinen Gefühlshaushalt ein bisschen gelüftet, seinen Gedankenbestand ein wenig bereichert kriegt.

          Beispiel Feminismus: Dass Frances McDormand, diesmal als Teilzeitmoderatorin statt als Preiswürdige zugegen, lustig-lakonisch damit kokettieren konnte, dass sie nichts groß zu sagen habe, konnte man so lesen, dass in diesem Jahr eine Gardinenpredigt dieser begabtesten Gardinenpredigerin der Welt unterbleiben durfte, weil zum Beispiel alle in der Kategorie „beste Hauptdarstellerin“ nominierten Kräfte allein durch ihre Arbeit jede misogyne Geringschätzung weiblicher Kunstintelligenz atomisieren – die Reihe Yalitza Aparicio („Roma“), Glenn Close („Die Frau des Nobelpreisträgers“) Lady Gaga „A Star is Born“, Melissa McCarthy („Can you ever forgive me?“ und (als komplett verdiente Siegerin) Olivia Colman („The Favourite“) ist ein feministisches Manifest, das nur Analphabeten nicht lesen können.

          Schön wär’s gewesen, wenn es bei dieser anstrengungslos erreichten Verschränkung von künstlerischer Qualität und zeitgerechter Bedeutung sein Bewenden gehabt hätte, und dass die Academy es sogar geschafft hat, aus der gegenwärtigen Bombastblüte der Superheldencomicfilme die gescheitesten herauszupräparieren und zu prämieren, nimmt man auch gerne mit, genau wie die Anerkennung für Rami Malek, der als Empfänger des Goldmännchens für den besten Schauspieler (in „Bohemian Rhapsody“) die alte Wahrheit beglaubigen konnte, dass ein Film keine Kunst sein muss, um einem Schauspieler dennoch zu erlauben, darin etwas zu veranstalten, was eben doch Kunst ist. Soviel adaqäuates, unpenetrant präsentiertes Zeug, plus ein Feingold-Edelauftritt von Bradley Cooper und Lady Gaga, und dann am Ende das: „Green Book“, ein laulinksliberales Fernsehspiel (mit einem wie immer faszinierenden Mahershala Ali, der auch eine Büttenrede zur Selbstneukonstruktion nutzen könnte) soll der beste Film des Jahres sein. „Ach?“ (Loriot). Das Werk ist mehr oder weniger antirassistisch gemeint. Herzlichen Glückwunsch, Academy. Da wird er zittern, der Rassismus.

          Wer „A Star is born“ gesehen hat, wusste: Der Auftritt von Lady Gaga und Bradley Cooper könnte einer der großen Hollywood-Momente dieser Oscarverleihung werden. Und man lag nicht verkehrt, das war schon klar, als sie an der Hand von Cooper zum Flügel schwebte, um „Shallow“ zu singen. Dafür gab’s dann auch den Oscar. Bilderstrecke
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