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Illustration: Thomas Fuchs

Frauen spielen die Nebenrolle

Von JULIA BÄHR

03.03.2018 · Hollywood spricht seit Weinstein nicht nur über sexuelle Belästigung, sondern auch über strukturelle Diskriminierung. Welche Rolle spielen die Oscars?

W enn die Academy am Sonntag ihre Preise verleiht, stehen nur Menschen zur Wahl, die Filme gedreht haben. Schon dadurch rücken mehr Männer in den Fokus, denn die Filmbranche ist in vielen Bereichen noch immer männlich dominiert: Frauen schreiben weniger Drehbücher, führen seltener Regie und bedienen kaum je die Kamera. Trotzdem steht die Quote der weiblichen Filmschaffenden in Hollywood in keinem Verhältnis zu den ausgezeichneten Frauen.


Seit einigen Jahren bemüht sich die Academy, mehr Frauen und ethnische Vielfalt in ihre Reihen zu bekommen. Das geht sehr langsam vorwärts: Es seien 359% mehr Frauen eingeladen worden als in den Jahren zuvor, prahlt sie. Das wären dann 39% der Neuzugänge. Der Prozentsatz der „People of Color“ unter den Neuen liegt bei 30% – und damit insgesamt bei 13%.


Sonderbar zeigen sich auch die Karrieren von Absolventen der deutschen Filmhochschulen, wie eine Stichprobe aus fünf Jahren zeigt: Die Frauen machen zwar die passenden Ausbildungen, arbeiten jedoch später nicht in der Branche. Bei den Männern hingegen gibt es einige Quereinsteiger.



Für all das gäbe es eine logische Erklärung. Sie lautet: Frauen drehen schlechtere Filme, schreiben schlechtere Drehbücher, und weil sie das nach der Ausbildung selbst merken, wechseln sie den Job. Aber diese Erklärung scheint doch zu simpel, schließlich gibt es phantastische Filme von Frauen. In jedem Fall ist die Bewertung von Qualität in Zahlen eine schwierige Angelegenheit. Einen guten Versuch unternahm eine aktuelle Studie der Universität Rostock, die feststellte, dass deutsche Regisseurinnen im Jahr 2016 wesentlich effizienter mit ihrer Filmförderung umgingen als männliche Regisseure. Führte eine Frau Regie, benötigte sie durchschnittlich 13 Euro Fördermittel, um einen Besucher ins Kino zu locken. Ein männlicher Regisseur brauchte dazu mit 41 Euro fast das Dreifache. Das sagt zwar nichts über ihren Anspruch aus. Aber das Kino ist der letzte Ort, an dem Kommerz verachtet würde. Ob Frauen nun Kassenschlager machen oder Kunst – sie sollten genug Platz und Anerkennung dafür finden.


Text und Recherche: Julia Bähr
Infografiken: Jens Giesel, Franziska Schöbel
Illustration: Thomas Fuchs

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.03.2018 19:43 Uhr