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Schaulaufen in Hollywood : Der Schönheitswahnsinn vor den Oscars

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Was hinter der Tür passiert, bleibt ein Geheimnis: Salon „Blinkbar“ in Santa Monica Bild: BLINKBAR Los Angeles

Vor dem Auftritt auf dem roten Teppich lassen Stars ihren Körper mit immer erstaunlicheren Tricks stählen. Denn allein mit gesunder Haut, gestylter Frisur und schlanker Silhouette hinterlässt man in Hollywood noch lange keinen Eindruck.

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          Die gute Nachricht der Oscars 2016: Die Mani-Cam, unter der die Stars bei früheren Preisverleihungen ihre manikürten Hände zeigen mussten, ist vom roten Teppich verbannt. Die schlechte Nachricht: Die Promis werden heute vor dem Dolby Theatre von 360-Grad-Kameras und linsenbestückten Roboterarmen („Glambots“) empfangen, die jedes Fältchen wie einen Erdbebengraben aussehen lassen.

          „Der rote Teppich ist wirklich das Einzige, was mich nervös macht“, beschrieb die Schauspielerin Julianna Margulies einmal das Gefühl, bei Hollywoods Schaulaufen seziert zu werden. Kolleginnen wie Brie Larson, Cate Blanchett und Jennifer Lawrence dürfte es in diesem Jahr ähnlich gehen. Seit die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) sie vor sechs Wochen für einen Oscar in der Kategorie „Best Actress“ nominierte, stehen sie unter Beauty-Stress.

          Ellie Goulding bei den Grammy Awards 2016

          Zum Standardprogramm zählen Hautstraffungen, Besuche beim Dermatologen, das Aufhellen der ohnehin schon strahlenden Zähne und stundenlange Friseursitzungen. Für den quick fix von Körper und Geist zieht es die meisten Celebritys jetzt auch an die Saftbar. Eine Kur aus kaltgepresstem Obst und Gemüse gilt in dieser Oscar-Saison als Muss. „In der Woche vor der Preisverleihung beginnt der Endspurt. Die Promis lassen sich individuell zusammengestellte Mischungen pressen, um auf dem roten Teppich eine gute Figur zu machen“, weiß die Ernährungsberaterin Eddie Sebastian.

          Bei „Moon Juice“, einer holzgetäfelten Saftbar mit Strandflair im kalifornischen Venice, hält sie dazu Cocktails aus Sellerie, Spinat, Petersilie, Grünkohl und Löwenzahn, kurz „Goodness Greens“, und ein paar Dutzend weitere Mischungen mit Zutaten wie Aloe vera, Kokosnuss oder Schizandra-Beeren bereit. Die Halbliterflaschen hinter dem Glas des Kühltresens tragen phantasievolle Namen wie „Beauty Nectar“, „California Sun“ und „Roots Rock“, die sich Amanda Chantal Bacon, die Gründerin des Ladens, einfallen lässt. „Das holistisch coole Konzept kommt bei den Stars gut an“, sagt Bacons Assistentin Sebastian.

          Mandelmilch, Hanfsamen, Tonics

          Zu den prominenten Kunden, die an der Rose Avenue Vitamine und Mineralstoffe tanken, zählen Jennifer Aniston, Jake Gyllenhaal und die „Boys Don’t Cry“-Darstellerin Chloë Sevigny. Vor dem Gang über den Red Carpet unterziehen sich viele einem Cleanse, für das „Moon Juice“ frischgepresste Säfte mit Mandelmilch, Hanfsamen und verschiedenen Tonics, Aufgüssen aus Goji-Beeren oder Chinesischem Fingerhut, kombiniert.

          Bei der Reinigungskur mit ausschließlich flüssiger Nahrung, die bis zu zwei Wochen dauert, nehmen die Celebritys jeden Tag den Saft von fast zehn Kilogramm Grünzeug zu sich. Schon nach wenigen Entgiftungstagen, so Ernährungsberaterin Sebastian, wird die Mühe durch einen erfrischten Look belohnt. „Haut und Augen strahlen, das Körpergewicht balanciert sich aus, und man wirkt gesünder“, verspricht die Fünfundzwanzigjährige.

          Miranda Kerr bei der Warner Music After Party in Hollywood im Februar 2016

          Wer sich die Ochsentour nicht antun will, greift zu kleineren Dosen. Sebastian empfiehlt dazu neben Beauty-Foods wie Hanfsamen und dem Pulver der Winterkirsche Withania somnifera die bräunlich schwarzen Kraftkörner der Chia-Pflanze. Wie bei den Mayas, die Chia als Grundnahrungsmittel und Arznei nutzten, hat Hollywood den Samen als Superfood entdeckt.

          Wie die Oscar-Preisträgerin und „Moon Juice“-Kundin Gwyneth Paltrow auf ihrem Lifestyleblog „Goop“ verrät, streut sie die veganen, geschmacksneutralen Körner auf Müsli, Salat und Suppe. Die Sängerin Ellie Goulding erfreut ihre Fans bei Instagram derweil mit Fotos von Süßspeisen, die sie mit aufgequollen Chia-Samen angereichert hat. Da die Körner aus Südamerika vor ungesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen sowie Vitamin A und C nur so strotzen, sind sie auch figurbewussten Stars erlaubt. Was Ausdauersportlern hilft, reicht vermutlich auch für den Marathon auf dem roten Teppich.

          Gwyneth Paltrow bei der Oscarpreisverleihung 2015

          Mit gesunder Haut und schlanker Silhouette hinterlässt man in Hollywood aber noch lange keinen Eindruck. Um einen Star im Sternenmeer der kalifornischen Film-Enklave zum Strahlen zu bringen, setzen Stylisten auf Augen. Der Salon „Blinkbar“ in der Küstenstadt Santa Monica, knapp 15 Kilometer entfernt von Hollywood, hat sich auf die Illusion langer, dichter Wimpern à la Elizabeth Taylor spezialisiert - aus synthetischem Nerz, einer Seidenmischung oder echtem Sibirischen Nerz. „Wimpern aus Naturfell sind feiner, weicher und langlebiger“, erklärt Jay den Preisunterschied von ein paar hundert Dollar.

          Zu den Kundinnen des Salons am Ocean Park Boulevard sollen Selena Gomez, Katy Perry und die Hälfte der Celebritys zählen, deren Gesichter die Klatschblätter neben dem Plüschsofa der „Blinkbar“ zieren. Darüber, dass die meisten Schauspielerinnen nicht nur durch Wassertrinken und Schlaf zu Schönheiten werden, wird in Hollywood meist nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Zu Wimpernkorrekturen ziehen sich die Stars diskret in die verschlossenen Kabinen des Salons zurück. Nach der bis zu zweistündigen Prozedur, bei der die Füllhärchen einzeln geklebt werden, verabschieden sich viele von ihnen durch den Nebeneingang der „Blinkbar“.

          Rachel McAdams

          Als erste Adresse für Oscar-taugliche Augenbrauen gilt „Striiike“, der Salon der Schwestern Ashley, Jenn und Kristie Streicher im benachbarten Beverly Hills. Die sogenannte gefiederte Braue, Kristie Streichers Eigenkreation, schlägt einen vergleichsweise üppigen Bogen über den Augen von Stars wie Emily Blunt und Mandy Moore. Um das Zupfen zu einem schmerzfreien Erlebnis zu machen, beruhigt Streicher die Haut ihrer Besucherinnen vorher mit einem selbstgemischten Öl aus Lavendel, Mandarine und der asiatischen „Blume der Blumen“, Ylang-Ylang.

          Trotz perfekter Brauen („schlicht, luxuriös, ermächtigend“) erträgt die Golden-Globe-Preisträgerin Blunt den Red Carpet aber nur angetrunken. Wie die Britin zugab, gönnt sie sich auf dem Weg zum Dolby Theatre jedes Jahr einen Martini, um die Kameras und das berühmte „Who are you wearing?“ zu überstehen.

          Shailene Woodley bei der Premiere von „Insurgent“ in London im März 2015

          Wie die Schwestern Streicher behandelt auch der kalifornische Dermatologe Harold Lancer kurz vor den Oscars vor allem kosmetische Notfälle. Der Mediziner, der seit mehr als 30 Jahren am noblen Rodeo Drive praktiziert, genießt bei Scarlett Johansson, Kim Kardashian und dem Ehepaar Beckham den Ruf, auch die schlimmste Hautunreinheit in wenigen Stunden in makellosen Teint verwandeln zu können. In den Tagen vor Hollywoods biggest night empfängt Lancer die ersten Patienten schon vor Sonnenaufgang. Um früh präsent zu sein, übernachtet er während der Oscar-Woche meist in einer Suite, die er sich in der mehr als 1000 Quadratmeter großen Praxis eingerichtet hat.

          Vegane Stammzellen

          „Obwohl das Wort ,immer‘ in der Medizin selten vorkommt, glaube ich, dass ich immer alles korrigieren kann“, sagte der Dermatologe der „Elle“. Die Stars machten ihm seine Arbeit dabei eher leicht, da sie ihn bei jedem Pickelchen sofort alarmierten. „Die Aussicht, von Tausenden angestarrt zu werden, lächerliche Fragen beantworten zu müssen und ein unbequemes Kleid zu tragen, würde wohl den meisten Menschen Stresspickel und Ekzeme bereiten. Besonders, wenn auf ihnen 30 Tage lang der Druck lastet, großartig auszusehen“, fasste der Erfinder des „Lancer Glow“ das Schaulaufen auf dem roten Teppich zusammen.

          Die Schauspielerin Brie Larson, die nach der Nominierung für das Entführungsdrama „Raum“ als sichere Oscar-Kandidatin gilt, soll Lancer auch ohne Notfall regelmäßig besuchen. Ob die Sechsundzwanzigjährige sich dabei mit veganen Stammzellen behandeln lässt oder Botox injiziert, wissen nur sie und der Arzt.

          Brie Larson bei den Screen Actors Guild Awards in Los Angeles im Januar 2016

          Dass Los Angeles’ Prominentenfriseure wie Sally Hershberger und Stephanie Hobgood seit Wochen Bobs schneiden, ist dagegen kein Geheimnis. Schon bei den Golden Globes im Januar lief Lady Gaga in einer blonden Variation des Retro-Looks über den roten Teppich. Bei der Verleihung der Grammys überraschte Taylor Swift die Fans vier Wochen später ebenfalls mit dem kinnlangen Klassiker. Rachel McAdams, als Reporterin Sacha Pfeiffer in Tom McCarthys Missbrauchsdrama „Spotlight“ in der Kategorie Beste Nebendarstellerin für einen Oscar nominiert, zog ebenfalls die Blicke auf sich, als sie vor zwei Wochen mit einem platinblonden Bob zu dem traditionellen Mittagessen der Filmakademie erschien.

          Tiefrote Lippen

          Zeitaufwendige Hochsteckfrisuren, bislang ein Klassiker zu den Abendkleidern der Oscars, bleiben den meisten Celebritys zumindest in diesem Jahr erspart. Die etwa 37 Millionen Zuschauer, die am heutigen Sonntag in den Vereinigten Staaten vor dem Fernseher sitzen, müssen bei den 88. Academy Awards aber nicht auch Glamour verzichten.

          Das Heer der Stylisten rät seinen prominenten Klientinnen für den Red Carpet zu tiefroten Lippen in Tönen wie Fuchsia und Ruby. Auch bei den Smokey Eyes tragen viele Stars angeblich so dick auf, dass selbst bei einer Kim Kardashian Neid aufkeimen könnte. Der mehrlagige Lidschatten hat aber noch einen weiteren Nebeneffekt. Unter dem Puder lassen sich nach Hollywoods langen Partynächten der vergangenen Wochen auch Falten vor den Kameras verstecken, die Selleriesaft und Spritzen nicht mehr glätten konnten.

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