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Oscar-Verleihung 2016 : Zum letzten Mal ein weißer Elefant

Alles bestens gelaufen: Das Team des Siegerfilms „Spotlight“ - Rachel McAdams, Michael Sugar, Tom McCarthy, Josh Singer, Michael Keaton, Liev Schreiber und der Gastgeber des Abends, Chris Rock (mit Kekspackung) - nach der Oscar-Verleihung in der Nacht zum Montag. Bild: AFP

Was wären die Oscars ohne politische Anliegen? In diesem Jahr ging es um Rassismus, Sexismus, sexuelle Gewalt durch Priester und an Unis, Umweltzerstörung, Klimakatastrophe – alles kam vor. Ein Segen!

          3 Min.

          Wenn ein riesiger weißer Elefant im Raum steht, der auf den Namen OscarsSoWhite hört, weil seit Bekanntgabe der Nominierungen für die Academy Awards (bei der herausragende Leistungen von schwarzen Künstlern übergangen wurden) ein Streit unter diesem Hashtag tobt, der sogar das Kampagnengetöse der Radaukandidaten der beiden großen Parteien mitunter übertönte – was soll ein Moderator, wenn es ernst wird, da anziehen? Chris Rock, Komödiant von Saturday Night Live und Gastgeber der Gala zur Vergabe der Oscars, die eigentlich schon im Eimer war, bevor sie losging, dachte sich: am besten klassisch. Ein Dinnerjacket.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und dann stellte er sich in seinem weißen Jacket zur Smokinghose gleich mit seinem ersten Satz mitten hinein ins Problem und rührte sich kaum mehr davon weg. „Welcome to the White People’s Choice Arwards!“, hob er an, und fragte im Folgenden: Warum werden so wenige Künstler, die nicht weiß sind, für Oscars nominiert? Und warum soll ausgerechnet er, der an diesem Abend Arbeit hat, aus Solidarität seinen Job auch noch hinschmeißen? Damit auch den ein Weißer kriegt? Kommt nicht infrage!

          Die schwarzen Hollywood-Schauspieler kommen trotzdem

          So ähnlich muss auch ein Großteil des schwarzen und braunen und asiatischen Establishments in Hollywood gedacht haben. Fast alle offenbar wurden eingeladen, und mit wenigen Ausnahmen waren sie alle da, um ihren weißen Kollegen ihre Oscars zu überreichen. Whoopie Goldberg, Quincey Jones, Morgan Freeman, Louis Gossett, Jr. und Kevin Hart waren ebenso unter den Presentern wie Kerry Washington, Abraham Attah, Chadwick Boseman und Michael B. Jordan. Nur Jada Pinkett Smith, Will Smith und Spike Lee sowie Ryan Coogler und Ava DuVernay hatten ihr Fernbleiben aus Protest angekündigt, und dem hatte sich in der letzten Woche Antony Hegarty angeschlossen, nominiert für den besten Song und transgender, aber nicht eingeladen, diesen Song auch vorzutragen.

          Das Gute an Preisverleihungen sind ja (außer für die Preisträger) nicht die Preise. Jedenfalls nicht langfristig. Das Gute sind die Diskussionen, die sie entfachen. Und die waren in diesem Jahr erstaunlich ernsthaft. Rassismus, Sexismus, sexuelle Gewalt, Klimakatastrophe, Kindesmissbrauch durch Priester der katholischen Kirche – es war alles dabei, und es gab fast keinen peinlichen Augenblick. Das hatte nur zum Teil mit den Filmen zu tun, aber zum Teil eben schon. Der „Beste Film“, Tom McCarthys „Spotlight“, wird nicht als künstlerischer Meilenstein der Filmgeschichte im Gedächtnis bleiben, sondern als fulminantes Stück klassisches Erzählkino, das sich einer wahren Geschichte annimmt: wie Reporter des Boston Globe den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdecken (F.A.Z. vom 24. Februar). Ein Ensemblefilm, der mit guten Grund auch den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewann. Eine Hommage auch an den investigativen Journalismus alter Schule, der in den Zeitungen hoffentlich noch eine Weile weiterlebt. Und wie bedankten sich die Autoren, Tom McCarthy und Josh Singer? Indem sie erzählten, sie hätten ihren Film für all die Journalisten gemacht, die „die Mächtigen zur Verantwortung ziehen“, und sie hofften, die Botschaft erreiche auch den Vatikan.

          Leonardo DiCaprio auf der Suche nach dem Schnee

          Leonardo DiCaprio hat bereits im Zuge seiner Oscar-Kampagne, die endlich zum Erfolg führte, mit dem Papst gesprochen. Über den Klimawandel. Und kaum hatte er strahlend seinen Oscar endlich in der Hand, begann er engagiert darüber zu sprechen, dass keinerlei Aufschub von Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung mehr akzeptabel sei. „Wir mussten zur südlichsten Spitze des Planeten fahren, um überhaupt noch Schnee zu finden“, erzählte er. Da hatte der amerikanische Vizepräsident bereits Lady Gaga mit dem Song „’Til It Happens to You“ angekündigt und einen „Kulturwandel“ gefordert, was den Umgang mit sexueller Gewalt in der amerikanischen Gesellschaft, an amerikanischen Universitäten angeht. Die Website It’sOnUs.org, die er nannte, brach sofort zusammen.

          Dafür hat er sich lange gequält: Leonardo DiCaprio mit dem Oscar.

          Ist das alles nur liberales Geschwätz von „Club-Rassisten“, wie Rock Hollywood nannte? Im vergangenen Jahr plädierte Patricia Arquette in ihrer Oscar-Rede leidenschaftlich für gleiche Rechte, gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Nicht nur in der Filmindustrie. Die kalifornische Senatorin Hannah-Beth Jackson brachte am nächsten Tag bereits eine entsprechende Gesetzesinitiative auf den Weg, die sieben Monate später ratifiziert wurde. Der Fair Pay Act passierte parteiübergreifend alle Hürden, weil er auch als Mittel der Wirtschaftsförderung funktioniert.

          Wird das mit der Gleichberechtigung verschiedener Hautfarben auch gelingen? „Wir fangen ja gerade erst an“, schien Chris Rock zu sagen, als er ins Publikum rief: „Wir waren zu beschäftigt damit, vergewaltigt und gelyncht zu werden, um uns früher darum zu kümmern, wer bester Kameramann wird. Wenn deine Großmutter am Ast baumelt, fällt es schwer, sich für den besten kurzen Dokumentarfilm zu interessieren.“ Heute sterben Schwarze anders. Black lives matter, das war sein letzter Satz. Dann fielen Glitzersterne über die Bühne, auf der sich weiße Preisträger in die Arme fielen. Derart unter sich wie in diesem Jahr werden sie nie mehr sein.

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