https://www.faz.net/-gqz-9k48h

Melissa McCarthy im Interview : „Kein Mensch ist immer nur fröhlich oder nur traurig“

  • -Aktualisiert am

Nominiert für einen Oscar: Melissa McCarthy in ihrer Rolle als Lee Israel. Bild: Reuters

Die erfolgreiche amerikanische Schauspielerin Melissa McCarthy im Gespräch über Ulknudeln und ernste Rollen, Fälschungen und die magischen neunziger Jahre in New York.

          Frau McCarthy, man kennt Sie überwiegend aus krachenden Komödien. War die sehr ernsthafte Rolle in „Can You Ever Forgive Me?“ eine große Umstellung?

          Nein. Ich habe auch in der Vergangenheit schon in so manchem Drama mitgespielt. Das hat zwar kaum jemand gesehen, aber ich habe fast zehn Jahre lang Theater gespielt. Abgesehen davon ändern sich meine Vorbereitung und Arbeitsweise ohnehin nicht abhängig davon, ob ich lustig oder ernsthaft sein soll. Es geht immer darum, mir die jeweilige Figur zu erschließen, und selbst wenn ich eine aufgekratzte Ulknudel spiele, suche ich nach deren schwachen, verzweifelten Momenten. Schließlich wissen wir alle, dass kein Mensch immer nur fröhlich oder nur traurig oder nur wütend ist.

          Wie viel von der Bitterkeit Ihrer Figur Lee Israel steckt denn in Ihnen?

          Insgesamt bin ich keine verbitterte Person, aber selbstverständlich weiß auch ich, wie es sich anfühlt, zutiefst verunsichert, enttäuscht oder verängstigt zu sein. Der Unterschied zwischen Lee und mir ist, dass ich eine tolle Familie und wunderbare alte Freunde um mich habe. Lee hatte das nicht. Sie war eine ziemlich einsame Seele, deswegen nagten diese Gefühle eindeutig länger und intensiver an ihr, als es vielleicht gut gewesen wäre.

          Berufliche Zurückweisung und Misserfolg, wie Lee Israel sie plagen, dürften Ihnen längst fremd sein, oder?

          Die Erinnerung daran geht aber nie weg. Für einen kleinen Moment denke ich nach jedem Film immer noch, er könnte mein letzter gewesen sein. Ich habe viele Jahre erfolglos versucht, mich als Schauspielerin zu etablieren, und selbst wenn ich kleine Rollen bekam, waren die immer so schlecht bezahlt, dass ich nicht davon leben konnte. Auf die Frage nach meinem Beruf habe ich mich nie getraut, Schauspielerin zu sagen, schließlich verdiente ich meinen Lebensunterhalt mit meinen vier Nebenjobs. Wenn man so einen Kampf hinter sich hat, steckt das für immer in einem. Bis heute kann ich es manchmal kaum glauben, dass ich wirklich diesen Beruf ausüben darf und dafür bezahlt werde.

          Wann haben Sie gelernt, Sie selbst und mit sich im Reinen zu sein? Kam das mit dem Erfolg?

          Nein, dafür sind eher mein Mann und meine Kinder verantwortlich. Wenn du Menschen um dich hast, die jede Macke und Eigenart von dir kennen und dich trotzdem so lieben, wie du bist, dann ist es plötzlich ganz leicht, dich zu entspannen und dich auch selbst zu akzeptieren. Gerade Kindern sind ja all die Gedanken, die man sich über seine Wirkung nach außen macht, herzlich egal. Ich würde also sagen: Durch meinen Mann Ben habe ich gelernt, dass es völlig okay ist, so speziell zu sein wie ich es bin. Und dank meiner beiden Töchter weiß ich, dass ich mich trotzdem nie zu wichtig nehmen darf.

          Sind Sie eigentlich zufrieden mit dem Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung, den die Filmbranche in den vergangenen Jahren gemacht hat?

          Mir ist klar, dass Veränderungen nicht über Nacht kommen, aber der Fortschritt geht doch sehr langsam voran. Es gibt in Hollywood immer noch viel zu viele Menschen, die keine Stimme haben. Trotzdem bin ich froh um jeden Zentimeter, den wir uns in die richtige Richtung bewegen. Immerhin werden all diese Themen, von #MeToo bis zu gleicher Bezahlung, inzwischen öffentlich diskutiert.

          In „Can You Ever Forgive Me?“ geht es auch um Fälschungen. Wie würden Sie reagieren, wenn Sie erführen, dass ein Gemälde bei Ihnen an der Wand kein Original ist?

          Um so etwas schere ich mich ehrlich gesagt ohnehin nicht sonderlich. Originale, Designerware, all diese Dinge sind mir nicht wichtig. Was bei uns an den Wänden hängt oder in den Regalen steht, stammt ganz oft von Etsy oder aus Second-Hand-Läden. Mir ist nicht wichtig, wer ein Objekt geschaffen hat, sobald ich es in mein Herz geschlossen habe.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Sammeln Sie denn irgendetwas?

          Nicht im klassischen Sinne. Aber ich liebe es, Dinge von meinen Filmdrehs mit nach Hause zu nehmen. Am liebsten Dinge, die einen praktischen Nutzen haben. Der Tisch auf unserer Terrasse zum Beispiel stammt vom Set unseres Films „How to Party With Mom“. Und von „Can You Ever Forgive Me?“ habe ich einen Tisch und ein paar Stühle mitgenommen, die dort in einer Bibliotheksszene vorkamen.

          Welche Erinnerungen haben Sie an das New York der neunziger Jahre, in dem „Can You Ever Forgive Me?“ spielt?

          Ich habe damals dort gelebt, und es war eine magische Zeit. Alle schienen ums Überleben zu kämpfen und sich gleichzeitig Lebensträume zu erfüllen. Da lag eine aufregende Energie in der Luft. Ich hatte viele schwule Freunde, die zum ersten Mal ungehemmt ihre Identität ausleben konnten. Das übertrug sich auf mich, das Bauernmädchen vom Lande. Ich fühlte mich frei, lebendig, und obwohl das Leben damals hart war, genoss ich es in vollen Zügen. Ich habe auch viel Zeit in der legendären Schwulenbar „Julius“ verbracht, die im Film vorkommt. Heute frage ich mich natürlich, ob damals womöglich einmal Lee Israel neben mir saß.

          Weitere Themen

          E-Roller sorgen für Unmut in Paris Video-Seite öffnen

          Behinderung und Blockaden : E-Roller sorgen für Unmut in Paris

          In Paris gibt es seit gut einem Jahr E-Roller - und schon ist der Ärger groß über die Roller. Entweder sind sie mitten auf dem Gehweg geparkt, behindern Fahrradfahrer oder verursachen Unfälle. Nun will die Stadtverwaltung strenge Regeln erlassen.

          Topmeldungen

          Amt des Kommissionspräsidenten : Wer folgt auf Juncker?

          Das Gerangel um die Besetzung der EU-Spitzenposten geht an diesem Donnerstag in die entscheidende Runde. Am Ende müssen sich Berlin und Paris einigen. Doch Merkel und Macron verfolgen unterschiedliche Strategien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.