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Weiße Oscars 2020 : Im Westen nichts Neues

Oscars, die man essen kann - Starkoch Wolfgang Puck lässt für die Oscar-Gala kleine Schokoladenstatuen anfertigen. Bild: dpa

Nach den Protesten gegen die Dominanz weißer Männer bei den Oscar-Nominierungen 2016 hatten siebenhundert neue Academy-Mitglieder das Erscheinungsbild korrigieren sollen. Gelegenheit dazu hätten sie auch in diesem Jahr gehabt.

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          Vier Jahre? Ja, vier Jahre ist es schon wieder her, dass mit dem Hashtag #OscarsSoWhite gegen mangelnde Diversität und gegen die übermäßige Präsenz älterer und jüngerer weißer Männer beim wichtigsten aller Filmpreise protestiert wurde. Gegen mangelnde Geschlechtergerechtigkeit hätte gleich auch noch ein Hashtag erstellt werden können. In der Zwischenzeit hat die Academy, die alljährlich die Oscars vergibt, siebenhundert neue Mitglieder kooptiert, die das Abstimmverhalten verändern und das Erscheinungsbild korrigieren sollten – doch wenn man das Feld der Nominierten in diesem Jahr anschaut, könnte man annehmen, wir befänden uns noch immer im Jahr 2016.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war allerdings auch nicht besser im vergangenen Jahr. In diesem ist nun die Britin Cynthia Erivo für ihre Darstellung einer, ja, ausgerechnet, Sklavin in „Harriet“ als einzige Schwarze für die beste Hauptdarstellerin nominiert. Weiß sind ansonsten alle Schauspieler und Schauspielerinnen, bei der Regie hat sich der Koreaner Bong Joon-ho irgendwie eingeschlichen, dafür sucht man eine Regisseurin wieder mal vergeblich – was umso weniger einleuchtet, wenn man bedenkt, dass Greta Gerwigs Film „Little Women“ unter den neun Nominierten für den besten Film ist.

          Notorisch farbenblind

          Angesichts dieser notorischen Farbenblindheit ist auch in vielen amerikanischen Medien das alte Hashtag wieder aufgetaucht, mit dem Zusatz „2020“ versehen; es markierte kürzlich in der Variante #BAFTAsSoWhite auch die britischen Filmpreise, bei denen Joaquin Phoenix, der für die Titelrolle in „Joker“ einer der großen Oscar-Favoriten ist, den Rassismus anklagte, der in der ausschließlichen Nominierung weißer Schauspielerinnen und Schauspieler liege.

          Der Schauspieler Joaquin Phoenix bei den 73. Britischen Filmpreisen, bei denen er kritisierte, dass sämtliche nominierten Schauspielerinnen  und Schauspieler weiß waren. Phoenix ist ür seien Rolle in „Joker“ Favorit für den Oscar als bester Hauptdarsteller.
          Der Schauspieler Joaquin Phoenix bei den 73. Britischen Filmpreisen, bei denen er kritisierte, dass sämtliche nominierten Schauspielerinnen und Schauspieler weiß waren. Phoenix ist ür seien Rolle in „Joker“ Favorit für den Oscar als bester Hauptdarsteller. : Bild: dpa

          Es hat ja an Alternativen nicht gefehlt, die in den vergangenen Wochen auch benannt wurden. Wo, um nur Filme zu nennen, die auch schon in deutschen Kinos zu sehen waren, ist Lulu Wangs chinesisch-amerikanische Familiengeschichte „The Farewell“ geblieben? Oder Lorene Scafarias Sexarbeiterinnen-Story „Hustlers“ mit einer brillanten Jennifer Lopez?

          Warum nicht „Queen & Slim“, die Geschichte eines schwarzen Paares, das vor Polizeigewalt flieht? Und so erfreulich es ist, dass Bong Joon-hos international erfolgreiche Klassenkampfparabel „Parasite“ sowohl als bester fremdsprachiger wie als bester Film nominiert ist und der Regisseur und das Drehbuch dazu – haben die Darsteller gar nichts dazu beigetragen? Oder möchte man nicht mit Namen wie Park So-dam and Choi Woo-shik die Leute verstören?

          Die Liste ließe sich leicht verlängern, auch Eddie Murphy soll bei seinem Comeback in „Dolemite Is My Name“ großartig sein; es soll sogar Filme von und mit weißen Männern geben, die die Academy übersehen hat. Die Erinnerung an Diversität besagt nun auch nicht automatisch, die nominierten Filme oder Schauspieler hätten es nicht verdient. Wie in jedem Jahr kann man aber endlos streiten, ob elf Nominierungen für den „Joker“ nicht ein paar zu viel sind; oder darüber, ob „1917“ wirklich so genial ist und Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“, bei aller Liebe, zehn Nominierungen haben muss. Und wirkt nicht Scorseses „The Irishman“ als ganzer Film so wie die in ihm angewandte digitale Technik des De-agings, bei der die gespenstisch verjüngten Gesichter nicht zu den Körperbewegungen der alten Herren passten?

          Aber schauen wir zum Ende lieber auf die Wettkurse. Da schweigen die Leidenschaften und die Wünsche, da spricht allein der Algorithmus. Da wird es an diesem Sonntag der Abend von „1917“ und Sam Mendes werden, von Joaquin Phoenix und Renée Zellweger in „Judy“. Bong Joon-ho wird sich über den Drehbuch-Oscar freuen und über den Preis für den besten fremdsprachigen Film sowieso. Im Westen nichts Neues.

          In dieser Sonntagnacht feiert Hollywood seine Helden – FAZ.NET berichtet ab Mitternacht im Liveblog. Wer hat Chancen? Wie gut sind die einzelnen Filme wirklich? Das alles erfahren Sie auf unserer Oscar-Seite.

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