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Oscar-Verleihung : Zeig mir deinen, zeig ich dir meinen

Freude über den Oscar für „Spotlight“ als besten Film Bild: Reuters

Der Oscar für den besten Schauspieler geht an einen Darsteller, der alles zeigt: Leonardo DiCaprio. Auch die beste Darstellerin – Brie Larson – zeigt alles. Anders der beste Film – aus drei guten Gründen.

          Der beste Schauspieler, fand die Academy, ist einer, der alles zeigt: Gram und Grauen, Schweiß und Blut, aufgesprungene Lippen und Rotz im Bart. Leonardo DiCaprio, der in der Vergangenheit mehrfach knapp am Oscar vorbeigerasselt ist, hat sich diesmal langsam und qualvoll durch Schnee und Eis, nämlich den Film „The Revenant“, an die Goldfigur herangerobbt, und wenn er sie in dieser Nacht mit den Zähnen in Empfang genommen oder mit verkrümmten Fingern und letzter Kraft an sich gerissen hätte, wäre ihm niemand böse gewesen. Was hat der Mann alles durchgemacht – wir haben es doch gesehen!

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die beste Schauspielerin, fand die Academy, ist ebenfalls eine, die alles zeigt: Beklemmung und Hilflosigkeit, ungebrochenen Blick und stumpfes Haar, pochende Adern und angehaltenen Atem. Brie Larson saß in und nach „Room“ für die Öffentlichkeit in der Rolle einer Gefangenen und Misshandelten auch nach ihrer filmischen Befreiung auf einem Präsentierteller, bei dem man sich fragen mag, ob der Verständnisgewinn für die Figur, den das Publikum einstreicht, nicht ein moralischer Zuckerguss für einen ganz anderen, einen voyeuristischen, einen ungesunden, einen unappetitlichen Profit ist, den die Sache abwirft und mit der man im Kino in die Komplizenschaft mit dem Kerkermeister der Frau gerät – unversehens, unbemerkt, vor allem aber: vom Film selbst nicht aufmerksam genug ästhetisch beachtet oder bedacht.

          Der Blick auf Typen und Temperamente

          Der beste Dokumentarfilm, fand die Academy, ist einer, der dieses Problem ebenfalls hat, weil auch er zwar nicht alles, aber doch soviel zeigt, wie aufzutreiben war: Wir sehen in „Amy“ einer Frau dabei zu, wie sie sich unter Applaus kaputtmacht, und wenn wir dafür Beifall haben, dann fragt sich, welcher Person, welchem Sachverhalt er gilt. Immerhin deuten ein paar filmische Unsicherheiten, die der Regisseur Asif Kapadia in diesem Film zulässt, darauf hin, dass ihm das Problem bewusst war, „for what it’s worth“, wie man im Business sagt.

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          Der beste Film aber, fand die Academy, ist paradoxerweise einer, der eben nicht alles zeigt. Keine einzige Missbrauchshandlung wird in diesem Film über sexuelle Verbrechen an Kindern abgebildet; auch nicht verschwommen, eingefärbt oder schwarz-weiß, nicht als Albtraum und nicht als Rückblende. Das liegt nicht daran, dass „Spotlight“ etwa die Einheit der Erzählzeit wahren wollte und keine Sprünge in der Darstellung der Ermittlungen zuließe, die das Widerliche und Schlimme schließlich öffentlich machen – der Film beginnt sogar mit einem Prolog, der lange vor der Haupthandlung spielt, aber nicht abbildet, was einem Kind geschieht, sondern wie und warum ein Täter entkommt.

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          Dass man die Taten selbst nicht sieht, dass man nur durch Zeugen davon erfährt, die mit den Menschen identisch sind, denen das Verbrechen angetan wurde, und dass die wiederum von Schauspielern gespielt werden, war eine kluge dramaturgische Entscheidung, die zwei hohe moralische Güter bewahrt und ein ästhetisches Gut herstellt: erstens werden Leute vor der Zurschaustellung geschützt, die genug erlitten haben, zweitens aber werden Taten dennoch aus der Schweigezone und der Verdunkelung gerissen, in denen sie allein möglich sind, und drittens, das ist der künstlerische Wert des Verfahrens, erlaubt die behutsame Fiktionalisierung die Auseinandersetzung mit den Typen und Temperamenten – statt nur den zufälligen Individuen –, die Schreckliches tun, erleiden oder aufdecken.

          Einer, der alles zeigen will, könnte das nie

          Vor allem die letztere Gruppe findet sich in „Spotlight“ nach allen Seiten hin zergliedert und betrachtet, weil Schauspielerinnen und Schauspieler Figuren eben als Bündel charakteristische Ausprägungen von sozialen Wesenszügen anlegen können und dann vergessen lassen, was für Arbeit darin steckt, dass wir im Kino Mark Ruffalo als den heißblütig Empörten erleben können, der nötig ist, damit die schlechte Ruhe gestört werde, oder Rachel McAdams als die Angst davor, mit Enthüllungen über die kirchliche Schande eine geliebte Person zu verletzen, die fromm katholisch ist, oder Jamey Sheridan als den biederen Pflichtmenschen, der in den von der Gewohnheit zusammengeschobenen Falten seiner farblosen Persönlichkeit spät, aber gerade noch rechtzeitig ein Gewissen entdeckt, oder Michael Keaton als den Mann, der Sheridan dazu den Anstoß liefert, weil er auch selbst ein Versagen zu sühnen hat, oder schließlich Liev Schreiber … ja, dieser fantastische Liev Schreiber, einer der größten, aber weitgehend unbesungenen Charakterköpfe im gegenwärtigen nordamerikanischen Kino und Fernsehen, Freunde und Nachbarn, wie ist er hier wieder erstklassig: Von Haus aus ein stattlicher, in der Serie „Ray Donovan“ geradezu formatfüllend breitbrüstiger Kerl, schiebt er in „Spotlight“ kaum merklich die Schultern nach vorn, kleidet sich in Bescheidenheit und spielt, wie das einer, der alles zeigen will oder muss, nie könnte.

          Zeigen? Verschweigen? Die diesjährige Auswahl der Academy erzählt eine Geschichte, die viel weglässt, nicht nur Talente, die nicht so weiß sind wie alle bisher erwähnten Leute vor der Kamera. Die Wahlberechtigten haben sich für das Offensichtliche entschieden. Wäre die Geschichte, die sie damit erzählen, selbst ein Film, man könnte sie nur für die bestmögliche Ausstattung loben, für die Lichtblicke wie den „Spotlight“-Preis oder die komplett gerechte Nebendarsteller-Belohnung des erhabenen Mark Rylance, der in Spielbergs „Bridge of Spies“ das Kunststück fertig bringt, sich in kein einziges Klischee ziehen zu lassen, das ihm das Drehbuch vorgibt. Wäre „Oscar 2016“ ein Film, man hielte ihn durch, sekundenweise beifällig, und vergäße ihn schnell.

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