https://www.faz.net/-gqz-8xfrf

Im Kino: „Get out“ : Vom schlechten Gewissen gebissen

  • -Aktualisiert am

Chris Washington (Daniel Kaluuya) muss sich Rose Artmitages (Allison Williams) Eltern (vor)stellen. Bild: dpa

Jordan Peeles unheimlicher Kinothriller „Get Out“ ist der Film zur amerikanischen Gegenwartsangst und zeigt, dass die Fortschritte, die das Land in Sachen Integration gemacht hat, nur oberflächlich sind.

          3 Min.

          Chris und Rose sind ein amerikanisches Traumpaar. Sie ist ein typisches Etepetete-Mädchen, er ist ein junger Fotograf. Sie kommt aus einer guten Familie, er nicht, aber das kann die Liebe sicher wettmachen. Chris ist sensibel, Rose auch, aber Chris ist ein wenig sensibler. Er hat gute Gründe dafür, denn er ist schwarz, und Rose ist weiß. Nicht, dass das heutzutage noch etwas bedeuten muss. Die Hautfarbe spielt für moderne Menschen doch keine Rolle mehr. Allerdings hat Rose es versäumt, ihren Eltern über dieses Detail rechtzeitig Bescheid zu geben, und nun steht der Antrittsbesuch bei den Armitages an. Eine Standardsituation, durchgespielt in allen erdenklichen Familienkonstellationen („Meet the Fockers“) und mit allen möglichen sexuellen Identitäten (Gaylord „Greg“ Focker) in unzähligen Komödien, aber auch in einem der liberalen Paradefilme Hollywoods: „Rat mal, wer zum Essen kommt“ (1967) mit Spencer Tracy und Sidney Poitier.

          In Jordan Peeles „Get Out“ kommt Chris zum Essen, dann auch noch zu einer Gartenparty, die zum Besten gehört, was man seit langem im amerikanischen Kino gesehen hat. Was es mit diesem in nahezu jeder Hinsicht verblüffenden Film auf sich hat, kann man am ehesten aus seiner Produktionsumgebung schließen. „Get Out“ ist ein weiterer Hit aus der Firma Blumhouse, die seit einigen Jahren mit cleveren Horrorfilmen von sich reden macht („Paranormal Activity“, „The Purge“). Jason Blum lässt Filme wie vom Fließband machen: mit kleinen Budgets werden enorme Profite erzielt. Und für Witz und Tiefsinn und das Entdecken von Talenten ist dabei auch noch Raum. Man könnte inzwischen beinahe schon Vergleiche zu Roger Corman ziehen, in dessen Schundfilmschmiede um 1970 Leute wie Francis Ford Coppola, Jonathan Demme oder Joe Dante das Handwerk lernten.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Dass „Get Out“ seit seiner Premiere beim diesjährigen Sundance Festival zum wohl meistdiskutierten Film der Saison wurde (und nebenbei schon zu einem gigantischen Box- Office-Hit), hat auch damit zu tun, dass er auf eine brillant verstörende Weise genau in den politischen Moment passt. Breitbart, die Website, die Donald Trump am liebsten im Alleingang ins Weiße Haus gelogen hätte, pries den Film als ein Manifest gegen die „liberale weiße Elite“. So kann man das sehen, allerdings unterschlägt man dabei die viel tiefer gehende Kritik an einem alltäglichen amerikanischen Rassismus, der hier eben bis in die besseren Kreise reicht. Die Armitages, die Chris einen offenen Empfang bereiten, sich dann aber als eine höchst merkwürdige Familie erweisen, stehen tatsächlich für das wohlhabende, gebildete Ostküstenmilieu, das mit Donald Trump oder gar seinem unappetitlichen Berater Steve Bannon nichts zu tun haben möchte. Man würde den Film aber grob missverstehen, wenn man ihn als Satire auf die Wähler von Hillary Clinton lesen wollte. „Get Out“ lebt davon, immer neue Tabus auf groteske Weise zugleich zu verletzen und zu bestätigen. Jordan Peele ist klug genug, seinen Helden mit einer markanten Schwachstelle zu versehen. Chris ist nämlich Raucher, an sich eine lässliche Sünde, aber eben eine, die ihm ein schlechtes Gewissen verschafft.

          Weitere Themen

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.