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Asghar Farhadis neuer Kinofilm : Selbstjustiz in einstürzenden Altbauten

Bild: F.A.Z., Prokino

Asghar Farhadis für den Oscar nominierter Film „Forushande – The Salesman“ erzählt die Geschichte eines Schauspielerpaares in der Krise. Der Regisseur wird nicht zur Verleihung nach Amerika reisen. Wie sein Film kämpft auch der Regisseur gegen Unterdrückung.

          Am Sonntag stand ein Text von Asghar Farhadi in der „New York Times“. Es war das Statement, mit dem der Regisseur von „Forushande“ seine Teilnahme an der diesjährigen Oscar-Verleihung absagte, bei der sein Film als bester nichtenglischsprachiger Spielfilm nominiert ist. Er habe, so beginnt die Erklärung, eigentlich vorgehabt, nach Los Angeles zu reisen und seine Ablehnung der Politik des neuen amerikanischen Präsidenten dort kundzutun. Angesichts der vielen Wenn und Aber in den Einreisebestimmungen für Iraner und Bürger anderer muslimischer Staaten sehe er sich allerdings gezwungen, die Reise zu stornieren. Stattdessen wolle er seine Meinung an dieser Stelle äußern.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hardliner, so Farhadi, gebe es nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in seinem eigenen Land. Ihre Methode, Hass zwischen den Nationen zu säen, sei überall die gleiche: Sie schürten Angst vor den Fremden. Die Wurzel fast aller Feindschaften zwischen Völkern sei ein Gefühl der Demütigung. Die Demütigungen von heute legten den Grund für die Konflikte von morgen. Deshalb verurteile er die neue Einreisepolitik.

          Das Scheitern einer Gesellschaft

          Wenn man diese Erklärung liest, versteht man, warum Asghar Farhadi bei vielen als der größte Dramaturg des heutigen iranischen Kinos gilt. Was Farhadi zu sagen hat, knallt er nicht, so wie jener Präsident, dessen Namen er verschweigt, auf den Tisch. Er gibt seinem Argument einen passenden Rahmen, kommt vom Besonderen aufs Allgemeine und von dort wieder zurück zum Persönlichen. Und wie in einem guten Theaterspiel sind der Rahmen, die Kulisse, und der Kern der Geschichte voneinander nicht zu trennen. Oder wie in einem Film. Wie in „Forushande“. Zuerst sieht man ein Bühnenbild. Eine Couch, ein Tisch, eine Lampe. Dann eine Wohnung in einem bürgerlichen Teheraner Viertel. Ein dumpfes Rumpeln, Risse in der Wand. „Das Haus stürzt ein! Alle raus auf die Straße!“ Die zwei Schauplätze, Bühne und Wohnung, sind die beiden Orte der Handlung in „Forushande“. An dem einen wird Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ (auf Persisch: „Forushande“) geprobt: das Drama des Selfmademans Willy Loman und seiner Familie, der er sein Scheitern nicht eingestehen will. An dem anderen wird das Drama einer Demütigung aufgeführt, die einen Mann zum Todfeind eines anderen macht. Um Scheitern, wie bei Arthur Miller, geht es hier nicht, und wenn doch, dann nicht im individuellen Sinn. Es geht um das Scheitern einer Gesellschaft: ihrer Werte, ihrer Geschlechterrollen, ihrer Moral.

          Auf einmal ist das Badezimmer ein unbetretbarer Raum: Taraneh Alidoosti als Vergewaltigungsopfer Rana in „Forushande“.

          Das Haus stürzt dann doch nicht ein, aber Emad (Shahab Hosseini) und Rana (Taraneh Alidoosti) müssen sich trotzdem eine neue Bleibe suchen. Auf der Amateurtheaterbühne spielen sie, mit grauen Perücken und reichlich Schminke im Gesicht, den alten Willy und seine Ehefrau Linda. Im wirklichen Leben dagegen sind sie ein junges Paar, das kurz davorsteht, eine Familie zu gründen, und deshalb zögert, sich in der Wohnung, die ihnen ein vermögender Kollege besorgt hat, dauerhaft einzurichten. Zuvor, heißt es, habe eine Frau „mit vielen Männerbesuchen“ hier gewohnt, sprich: eine Prostituierte. Ihre Sachen sind noch da, niemand holt sie ab. Eines Tages wartet Rana auf Emad, der sein Geld als Gymnasiallehrer verdient. Es klingelt. Sie drückt auf den Summer und geht ins Bad. Die Wohnungstür schwingt auf. Man hört Schritte im Treppenhaus. Doch es ist nicht Emad.

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