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Film „Alles Geld der Welt“ : Wer soll das bezahlen? Wer hat das bestellt?

Der Darsteller im Bild, Christopher Plummer, ersetzt einen herausgeschnittenen, über den man nicht mehr gerne redet. Bild: Tobis

Ridley Scott wollte mit „Alles Geld der Welt“ einen Oscar-Favoriten drehen. Nicht nur der Skandal um Kevin Spacey kam ihm dazwischen.

          3 Min.

          Siebzehn Millionen Dollar waren 1973 eine Menge Geld. Nicht, dass John P. Getty, Ölmilliardär und Kunstsammler epochaler Dimension, diese Summe nicht leicht hätte aufbringen können, ohne andernorts sparen zu müssen. Aber wer will sich schon erpressbar zeigen als reicher Opa einer Enkelschar? Denn einer dieser Enkel, John Paul Getty III., ist entführt worden, und siebzehn Millionen Dollar sollen das Lösegeld sein. Gäbe der alte Getty nach, wäre das eine Einladung an Entführer. So jedenfalls erklärt der alte Geizhals die Lage seiner Schwiegertochter, die verständlicherweise auf eine andere Reaktion gehofft hatte, und auch der Presse.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Handeln Staatschefs nicht ebenso? Geld? Nein, darum geht es nicht, sondern um Haltung, um Prinzipien und um all das andere Zeugs, das innerlich derart verwahrloste Menschen wie dieser alte Getty sonst noch auffahren, um ihre Nächsten und die Welt an der Nase herumzuführen. Wer damals zu jung war, um dabei gewesen zu sein, oder heute zu alt ist, um sich an Details zu erinnern – eines ging in die Geschichte ein: das Ohr. Das abgeschnittene Ohr des Siebzehnjährigen, das die Entführer nach Monaten ergebnisloser Versuche, den Alten umzustimmen, in die Post tun. Eine Zeitung ist der Empfänger des Päckchens.

          Was für eine Geschichte! Eine Familiengeschichte übelster Sorte. Eine Kriminalgeschichte, die, da die Entführung in Rom stattfand, nicht nur fotogene Kulissen bietet, sondern auch echte Mafiosi. Aber auch etwas Dolce Vita am Rand, dazu Drogen, Hippies, wehende Kleidchen und exquisite Antiken und Gemälde. Leider ging die Geschichte nicht gut aus. Getty, der Milliardär, ließ seine Anwälte zwar eine Darlehenslösung konstruieren, die ihm unter dem Strich noch eine Steuerersparnis einbrachte, wenn er die siebzehn Millionen Dollar, die im Lauf der Zeit auf ein paar weniger zusammengeschmolzen waren, bezahlte.

          #MeToo verändert alles

          Aber fünf Monate gefangen in einem Karton (so war es wirklich), teilweise nur mit einem Ohr, während sich die durch das Abtrennen des anderen Ohrs entstandene Wunde hässlich entzündete – das hinterließ Spuren. John Paul Getty Jr. wurde alkohol- und drogenkrank, erlitt früh einen Schlaganfall und starb schließlich nach Jahren als hilfloser Pflegefall im Alter von 54 Jahren. Ohne dieses Ende ist die Geschichte der Getty-Entführung unvollständig und letztlich auch uninteressant. Das weiß natürlich auch Ridley Scott, der einen Film aus ihr gemacht hat. Aber er nimmt zu ihr ungefähr dieselbe Haltung ein wie Großvater Getty zu seinem Enkel: desinteressiert und einzig darauf bedacht, die Kohle beisammenzuhalten. Das heißt für den Regisseur, frühzeitig mit allem fertig zu sein, um ins Oscar-Rennen zu gehen. Dass die „production values“ tadellos sein würden, darf man bei einem Ridley-Scott-Projekt erwarten.

          Doch dann kamen #MeToo und die Vorwürfe gegen Kevin Spacey, er habe einen Minderjährigen sexuell genötigt. In dem Augenblick muss Scott sich etwa so gefühlt haben wie der alte Getty, als ihn die Lösegeldforderung erreichte. Was wird aus meinem Film (meinem Geld)? Denn Spacey hatte, wie seit damals jeder weiß, mit Hilfe zeitraubender Make-up- und prothetischer Applikationen in etwa das Aussehen von John Paul Getty angenommen, um ihn zu spielen. Jetzt flog er raus aus dem Film, der abgedreht und geschnitten war.

          Eine einzige Oscar-Nominierung

          In einer aberwitzigen und in der Kinogeschichte bisher einmaligen Aktion schnitt Scott die Szenen mit Spacey nur sechs Wochen vor dem amerikanischen Kinostart aus dem Film, bat seine Investoren um neun Nachdrehtage, besetzte die Rolle mit Christopher Plummer, der überhaupt nicht aussieht wie Spacey mit oder ohne Make-up und Prothetik, bezahlte Mark Wahlberg, der einen Fixer des alten Getty spielt, etwa 1,5 Millionen Dollar, damit er noch mal mitmacht, und Michelle Williams, die John Paul Jr.s Mutter spielt, für denselben Aufwand ein paar Tausender, und tatsächlich: Der Film wurde fertig, und heute schon startet er in den deutschen Kinos.

          Christopher Plummer ist ein prima Getty. Michelle Williams leidet als Mutter glaubhaft und steht ihre Frau, wenn die Verhandlungssituation es erfordert, ohne auf ihren Absätzen zu wackeln. Sie trägt hübsche Kleider (Kostümbild Janty Yates), aber eine ausgewachsene Figur, die wird sie nicht. Denn auch für sie interessiert sich Scott nicht die Bohne, so wenig wie für ihren entführten Sohn und ihre Beziehung zueinander.

          Geld und wie man es retten kann, wenn die Umstände einem in die Quere kommen: Nur darum geht es, Getty wie Scott. Ein Jammerspiel, seelenlos, kunstlos. Und die Oscar-Nominierungen, um die sich alles drehte? Eine einzige. Für Christopher Plummer.

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