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Oscar-Verleihung 2015 : Die Angst der Academy vor Eastwood

Sie nimmt ihn einfach mit: Julianne Moore mit ihrem Oscar als beste Hauptdarstellerin. Bild: AP

So schlimm wie 1952 war die Vergabe der Oscars nicht. Doch schon die Nominierungen zu den 87. Academy Awards waren ein Problem. Und für den Preis für „American Sniper“ kann es nur eine Erklärung geben. Eine Einordnung.

          Die berühmteste Filmakademie der Welt meint es gut. Sie stellt der Menschheit den lieben Neil Patrick Harris hin, der vorher drei Tage lang jeden Tag zwei Stunden morgens und zwei Stunden abends mit Humorwasser gegurgelt hat, und der führt uns dann durch eine lange Veranstaltung, bei der nichts Erschreckendes passiert, weil alles Erschreckende schon vorher passiert ist – wer so für Auszeichnungen nominiert, wie die berühmteste Filmakademie der Welt diesmal nominiert hat, kann nur noch die Verleihungen vornehmen, die in dieser Nacht vorgenommen wurden. Es ist ja nicht ganz so schlimm wie 1952, als man Billy Wilder auf dem Höhepunkt seiner Kraft und Intelligenz damit kränkte, dass man ihn mit nur einer einzigen Nominierung für den großartigen Krimi „Ace in the Hole“ abspeiste und er den Preis dann nicht mal bekommen hat.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          2015 ging’s besser aus, denn diesmal hat man Christopher Nolans „Interstellar“ immerhin fünf Nominierungen an den Karottenstock gehängt, alle in so hübsch seriösen Kategorien wie „Produktionsdesign“ und „Soundmischung“, und den in den Augen echter Snobs von Kunst am allerweitesten entfernten, nämlich den für visuelle Effekte, hat er dann tatsächlich gekriegt.

          Akademie auf Sicherheitsabstand

          Vergleicht man’s mit dem Jahr davor und den sieben Oscars für „Gravity“ von Alfonso Cuarón, und schaut man sich danach in aller Ruhe beide Filme an, dann ist darüber, wie ernst man das alles nehmen muss, genug gesagt: Die Akademie versucht halt, zu dem, was Filmlehrerinnen und Filmlehrer an amerikanischen Provinz-High-Schools unter „Hollywood“ verstehen (und wogegen diese Leute sich mit ihrer ganzen Lehr-Ehre sträuben), einen Sicherheitsabstand zu wahren, der dann aber, weil man Hollywood ja doch irgendwie verpflichtet bleibt, beim Nominieren und bei der Zuerkennung der Preise immer ein bisschen betrunken gefahren wird - und manchmal krachen die Akademieleute dann halt, wie 2014, mitten gegen das, was sie vermeiden wollen: Einen schönen Film, der absolut nichts mitzuteilen hat, wofür dann im Jahr drauf ein mindestens ebenso schöner Film, der ziemlich viel mitzuteilen hat, bitter büßen muss.

          Die unverhoffte Macht der Hüllenlosigkeit: Neil Patrick Harris stellt eine Szene aus „Birdman“ nach und bekommt johlende Zustimmung. Bilderstrecke

          Wie man die Abstandsfrage (sind wir noch Kunst, wenn uns jemand liebt?) mit Anstand und Intelligenz löst, hat seit kaum noch erinnerlichen Zeiten (sagen wir mal: Film Noir) kaum jemand ansehnlicher und schlüssiger vorgeführt als Alejandro González Iñárritu mit „Birdman“: Die Provinzlehrerinnen und -lehrer können dieses Werk als „Kritik“ an der Dominanz des Superheldengenres im Gegenwartskino durch Gegenüberstellung dieser Gattung mit der gebrochenen Existenz und der Kunstsehnsucht eines seiner schauspielerischen Träger interpretieren, und damit glücklich sein - „Kritik“ heißt bei ihnen: Wir nörgeln an etwas herum, das uns nicht mitspielen lässt, weil wir nicht verstehen, warum Leute sich für Superhelden interessieren, als Steigerungen des Lebens ins Gute, aber auch Böse, ins Verschärfte, aber auch Dumpfe – Steigerungen des Lebens in der Kunst interessieren bedrückte Menschen mit Berührungsangst vor dem Populären grundsätzlich nicht; wer kein Leben hat, will es auch nicht steigern.

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          Iñárritu aber interessiert sich für all das sehr wohl, und kann damit viel anfangen – was er damit angefangen hat, hält das Mainstreamkino nicht auf Abstand, sondern wirft sich dagegen, arbeitet sich hindurch und hinaus, deshalb sind der Preis für die Beste Regie, fürs beste Originaldrehbuch, die beste Kamera und den besten Film keine Missgriffe.

          Davor hatten Maher und Moore doch gewarnt

          Auch sehr viele Preise gab es für Wes Anderson und sein „Grand Budapest Hotel“, denn wer die Welt verschroben, niedlich, tragikomisch und überhaupt „twee“ (bitte nachsehen, hier lauert einer der schlimmsten Grusel der Gegenwart) sieht, kann immer auf verschreckten Beifall von Leuten rechnen, die der Welt nur soweit trauen, wie Leuten erlaubt ist, die von Dokumentarfilmen verlangen, dass man daraus erfährt, dass es in der Welt böse zugeht und ein Held jemand ist, der grundsätzliches Weltmisstrauen durch Enthüllungen über Dinge rechtfertigt, die man sich sowieso schon immer gedacht hat (ja, der Snowden-Film „Citizenfour“ ist der beste Dokumentarfilm, den die Akademie im Bemessungsjahrgang ausgemacht hat, herzlichen Politfernsehmagazinglückwunsch).

          Beim restlichen Zeug ist kein echter Ausfall dabei - Julianne Moore setzt als „beste Schauspielerin“ und Alzheimer-Porträtistin die schöne Oscar-Tradition des Dustin-Hoffman-Autismus-Lehrstuhls für eindrucksvoll an einzelnen Schauwerten demonstrierte Gebrechen fort, vor denen sich alle fürchten, Eddie Redmayne ist ein gutaussehender Mann und ein gescheit aussehender Stephen Hawking (das ist der, den niemand versteht und den sie immer „Hawkins“ oder „Hawkings“ schreiben, weil er trotzdem überall dauernd vorkommt), Patricia Arquette als beste Nebendarstellerin altert in der Langzeitstudie „Boyhood“ irgendwie kompakter als die anderen, die in diesem Film so vor sich hin altern, J.K. Simmons hat den Oscar für den besten Nebendarsteller in „Whiplash“ schon deshalb verdient, weil man Leute für Rollen in Fernsehserien („The Closer“, längst vorbei) nicht mit dem Oscar auszeichnen kann, das aber trotzdem irgendwie hätte tun müssen und es deshalb jetzt nachholt, und der Rest sind Zufallstreffer (dem besten Ausländer, Pawel Pawlikowski, ist mit „Ida“ wirklich etwas anstrengend Unvergessliches gelungen), Anwendungen des Gießkannen-Prinzips (ein bisschen „Imitation Game“, ein bisschen „Selma“, wo man doch vorher schon so viel drüber geredet hat) und eine lustige kleine Kuriosität.

          Der heiß umstrittene Scharfschützenfilm „American Sniper“ hat tatsächlich einen Preis gekriegt, obwohl Michael Moore und Bill Maher die Menschheit davor eindringlich gewarnt haben, weil der Held des Films erstens ein Psychopath sei und zweitens überhaupt. Clint Eastwoods Killeroper wurde dennoch belohnt, nämlich für den besten Tonschnitt. Wahrscheinlich hat die Akademie vor Eastwood einfach noch mehr Angst als vor Moore und Maher.

          Mit Recht.

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