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Oscar-Verleihung : Irgendwo in Hollywood

  • -Aktualisiert am

Nicht ohne meine Tochter: Caroline Link konnte nicht nach Hollywood - ihr sieben Monate altes Baby ist krank Bild: dpa

Vorhersehbar war bei der desjährigen Oscar-Verleihung der Sieg von "Chicago", überraschend die Preise für "Der Pianist" und erfreulich, daß Caroline Link zum ersten Mal seit dreiundzwanzig Jahren wieder einen Oscar für Deutschland gewonnen hat.

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          Natürlich hat die Welt momentan ganz andere Sorgen. Natürlich gab es ein paar wichtigere Entscheidungen an diesem Abend. Und natürlich wird der deutsche Film dadurch nicht über Nacht all seine Sorgen los. Aber ehe man über diese Oscar-Verleihung in den Zeiten des Krieges, über den vorhersehbaren Sieg von "Chicago" oder die überraschenden Preise für "Der Pianist" spricht, darf man sich erst mal mit Caroline Link freuen, der es mit "Nirgendwo in Afrika" gelungen ist, zum ersten Mal seit dreiundzwanzig Jahren wieder einen Oscar für Deutschland zu gewinnen. Nach der "Blechtrommel" gab es zwar vereinzelt Deutsche, die für Kurzfilme oder Trickfilme ausgezeichnet wurden, für Musik oder Spezialeffekte, aber in der Kategorie des besten fremdsprachigen Films hat es seither keiner mehr geschafft - man durfte schon froh sein, wenn es überhaupt zu einer Nominierung reichte.

          Daß die Oscar-Verleihung im allgemeinen und die Kategorie des besten fremdsprachigen Films immer auch ein Lotteriespiel ist, ist bekannt. Caroline Link hat es bei ihrer ersten Nominierung 1988 für "Jenseits der Stille" selbst erlebt, als sie dem holländischen Film "Karakter" unterlag. Abstimmen dürfen beim Auslands-Oscar nur Academy-Mitglieder, die nachweisen können, alle fünf Kandidaten gesehen zu haben. Weil dazu in der geschäftigen Branche nur die wenigsten Zeit haben, meistens eher ältere Semester, tendieren die Entscheidungen häufig zum kunsthandwerklich Behäbigen.

          Um so erfreulicher, daß die Academy in diesem Fall ein Gespür für die aufregende Art hatte, mit der sich Caroline Link in "Nirgendwo in Afrika" allem exotischen Glanz verweigert. Ihr Film besticht durch die Art, wie er die Erfahrung der Fremde nachzuzeichnen versucht, die im selben Maß überwältigend wie verstörend ist; wie dem Blick des Kindes die Perspektive der Eltern entgegengesetzt wird. Der Auslands-Oscar mag für vieles blind sein, aber diesmal wurde eine Leistung erkannt, die international keine Vergleiche zu scheuen braucht. Daß Caroline Link wegen einer Krankheit ihrer Tochter der Verleihung in Los Angeles fern geblieben ist, zeigt nur, daß sie weiß, was wirklich wichtig ist.

          Im Vorfeld dieser Jubiläums-Zeremonie zum fünfundsiebzigsten Geburtstag der Oscars wurde viel darüber geredet, ob es in Kriegszeiten schicklich sei, so eine Feier zu veranstalten oder überhaupt an ihr teilzunehmen. Aki Kaurismäki hatte aus Protest sein Kommen abgesagt, und der Schauspieler Will Smith blieb auch lieber zu Hause. Und je näher der Abend rückte, desto mulmiger wurde der Academy. Erst fürchtete man politische Bekenntnisse von notorischen Freidenkern wie Susan Sarandon oder Dustin Hoffman, dann wurde das Defilee auf dem roten Teppich weitgehend abgekürzt, und schließlich sah man sich vorsorglich nach anderen Veranstaltungsorten und -terminen um. Man kann nicht sagen, daß die Sorgen unbegründet waren, aber der Abend wurde dann doch auf eine Weise über die Bühne gebracht, die der Situation Rechnung trug.

          Schon zum Einstieg erlaubte sich Steve Martin, der brillant durch den Abend führte, den Scherz: "Der rote Teppich wurde gestrichen - das wird ihnen eine Lehre sein!" Der Krieg wurde also keineswegs ausgeblendet, sondern wurde zu allerlei Friedensbekenntnissen genutzt. Die gefürchtete Liberale Susan Sarandon begnügte sich mit einem Peace-Zeichen, Oscar-Gewinner Adrien Brody brachte sogar das Orchester zum Schweigen, um seine Botschaft loszuwerden, was ihn die Arbeit am "Pianisten" über Menschen im Krieg gelehrt habe, und nur Michael Moore nahm kein Blatt vor den Mund. Der Sieg seines Films "Bowling for Columbine" wurde mit einer stehenden Ovation begrüßt, doch als Moore rief, Mr.Bush solle sich schämen, ging der Applaus in empörten Buhrufen unter. Steve Martin meinte hinterher trocken, man habe Moore nach seinem Abgang in den Kofferraum seiner Limousine verfrachtet.

          Die Tatsache, daß "Chicago" als bester Film ausgezeichnet wurde und fünf weitere Oscars gewann, sagt weniger etwas über die tatsächlichen Qualitäten dieser Musical-Verfilmung aus als über die Sehnsucht nach einem Genre, das in Form von Clips zwar allgegenwärtig, sonst aber fast verschwunden ist. Im Grunde muß man ja auch den Film "8 Mile" zu diesem Genre zählen, dessen Hauptdarsteller Eminem allen Vorhersagen zum Trotz für den besten Song ausgezeichnet wurde. Daß "Chicago" ausgerechnet in den musikalischen Oscar-Kategorien leer ausging, ist seinerseits vielsagend genug.

          Und gerade als man dachte, daß Rob Marshalls Film dennoch alle wichtigen Preise abräumen würde, wurde "Der Pianist" für Drehbuch und Regie ausgezeichnet. Ein später Triumph für Roman Polanski, der seinen Preis nicht in Empfang nehmen konnte, weil in den Vereinigten Staaten immer noch ein Verfahren wegen Verführung Minderjähriger gegen ihn anhängig ist. Er kann sich trotzdem freuen - denn statistisch ist belegt, daß Oscar-Sieger im Schnitt viereinhalb Jahre länger leben als Oscar-Verlierer.

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