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Ortstermin Köln : An der Basis bleibt die alte SPD jung

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Als Gegenpole dienen in der mit Sophismen geführten Diskussion das "Alex-Argument" und das "Daniel-Argument", als stünden Theoreme vom Schlage der Fermatschen Vermutung im Raum. Während Alex, ein rundlicher Kampfredner mit Kinnbart, die vermeintliche Schädlichkeit hoher Lohnnebenkosten als Ideologie brandmarkt und statt dessen höhere Steuern fordert, verteidigt Daniel, ein schlauer Professorentyp mit Pullunder und Brille, den Wunsch des Mittelstands nach bezahlbarer Arbeit.

Traumziel von hundert Prozent Lohnnebenkosten

Alex wirft den Unternehmerverstehern einen Tunnelblick vor und setzt auf ein volkswirtschaftliches Planspiel, das die Empfänger von staatlichen Geldern zu Triebkräften der Konjunktur stilisiert: Weniger Lohnnebenkosten heißt weniger Sozialleistungen heißt weniger Nachfrage heißt weniger Beschäftigung. Gegen das aus dieser Theorie ableitbare Traumziel von hundert Prozent Lohnnebenkosten sprechen nach Alex, der zum Beleg seiner These mit einer Broschüre von Verdi wedelt, lediglich Geschmacksgründe: "Ich bin gegen hundert Prozent, weil ich für individuellen Spielraum bin, aber nicht, weil es ein beschäftigungspolitisches Argument dafür gäbe." Warum bleibt der historische Beleg durch den Verweis auf die Vollbeschäftigung in der DDR aus?

Daniel hingegen rechtfertigt die beschränkte Binnenperspektive der Betriebswirtschaft, die letztlich über Investitionen entscheide: "Volkswirtschaft ist ja schön und gut, aber Unternehmen denken mikroökonomisch." Selbst wenn die Wünschbarkeit niedriger Lohnnebenkosten, so ein Mitstreiter Daniels, lediglich Propaganda aus dem Newsletter des Bundes der Deutschen Industrie sei, beeinflusse diese Meinung doch das Handeln der Unternehmen: "Es gibt halt eine fiese Kampagne sämtlicher Feuilletonisten, Fernsehkommentatoren und Politiker, daß in Deutschland eine wirtschaftliche Krise herrscht, die in hohen Lohnnebenkosten besteht." Immerhin befürworte selbst DGB-Chef Michael Sommer - nun schwenkt der Redende ein Zeitungsinterview - eine Senkung der Lohnnebenkosten durch Umverteilung.

"Das Reich zerfiel, die Reichen blieben"

Spät warnt ein Reformfreund unter Hinweis auf die Motivation der Sprecher davor, die Auslegung von Gewerkschaftspapieren als Königsweg zum richtigen Handeln zu behandeln; doch die Verfilzung von Erkenntnis und Interesse nimmt die linke Sozialdemokratie hauptsächlich auf der Gegenseite wahr. Selbst der Grundbefund fehlender Staatsgelder, Ausgangspunkt der Reform, gilt als reine Erfindung. "Es ist doch schlicht Blödsinn", sagt Genosse Klemens, "daß kein Vermögen da ist. Die Frage lautet nur: Wo holen wir es uns?" Nun hält der blonde Jeanstyp ein zerfleddertes Taschenbuch hoch, Bernt Engelmanns Werk "Das Reich zerfiel, die Reichen blieben" von 1975. Es folgt eine Zusammenfassung: "Jemand knüppelt im sechzehnten Jahrhundert Bauern nieder, und seine Erben zählen heute zu den Reichsten der Republik. Warum sollen wir denen das Eigentum nicht einfach wieder wegnehmen?"

Von mangelndem Geschichtsbewußtsein in der jungen SPD kann also zum Jubiläum keine Rede sein. Hier wird nicht mit Finanzminister Eichel über die Verhältnisse gelebt, sondern wenigstens über die Verhältnisse geredet. Immerhin reicht die Ahnenreihe des Wir, welches die Partei seit alten Tagen zusammenschließt, weit hinter Gerhard Schröder zurück. Der ließ sich 1978 in Hofheim mit den Stimmen der "Stamokaps" zum Bundesvorsitzenden der Jusos wählen, verkündete aber gleich in seiner Antrittsrede an die Adresse der Mutterpartei: "Wir haben begriffen, daß uns mehr verbindet als trennt." Und unabhängig davon, ob Alex oder Daniel dereinst zum Superstar gewählt werden und das nächste große Parteijubiläum begehen: Ohne das große Begehren, das den Körper der Volkspartei erzittern läßt, wäre die SPD so tot wie das Gespenst von Ferdinand Lassalle.

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