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Ortstermin Köln : An der Basis bleibt die alte SPD jung

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Nun sitzen rund vierzig Leute im Saal der Sozialistischen Bildungs-Gemeinschaft Köln. Eine gewaltige Bücherwand am Kopfende des Raumes bildet die Kulisse. Unmengen dünner Paperbacks mit türkisen, orangefarbenen und gelben Rücken erinnern an die gesellschaftskundlichen Altlasten der siebziger Jahre; dazwischen stehen als dickbäuchige Denkmäler einer Geschichtsschreibung von unten Titel wie "Der verheimlichte Bismarck" oder "Das Gewissen der Revolution". Vor Beginn der Konferenz füllt Arbeitsgruppengemurmel den Raum, die Tonspur gedanklicher Freiarbeit. Steht dieses Sprechen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle für den brodelnden Unmut, den der Kanzler beim Fußvolk auslöst? "Scholz oder Müntefering", sagt der Kölner Vorsitzende Rafael Struwe am Rande, "haben immer bessere Möglichkeiten, ihre Position zu artikulieren." Einstweilen blättern Wollpullover-Trägerinnen in der "Frankfurter Rundschau", auf einer bestickten Stofftasche saugen Romulus und Remus an den Zitzen der Wölfin. Erinnerung an den verpflichtenden Ursprung des Gemeinwesens? Oder Allegorie des von seinen Kindern ausgesaugten Sozialstaats?

Dann begrüße ich euch zunächst mal ganz herzlich!

"Okay, liebe Genossinnen und Genossen: Dann begrüße ich euch zunächst mal ganz herzlich!" Obwohl Struwe, ein dreiundzwanzigjähriger Wuschelkopf mit Ringelpullover, in seiner Begrüßung eine "durchgehend ablehnende Haltung" der Kölner Jusos zur Agenda 2010 feststellt - besonders gegenüber der "Aufweichung des Kündigungsschutzes und Abbau des Sozialstaats" -, scheint die ideologische Bruchlinie keineswegs zwischen dem Kanzler und seiner alten Heimat, sondern mitten durch die Regierungsjugend zu verlaufen. Die Sitzordnung - wie bei Tarifverhandlungen ein langgezogenes Hufeisen, kein runder Tisch nach Art der Reformkommissionen - veranschaulicht jene klassische Aufteilung in zwei Flügel, die seit den Anfängen der französischen Nationalversammlung die Gremien der Politik in links und rechts zerfallen läßt. Auch bei den Kölner Jusos sitzen auf der einen Seite die Jakobiner, welche jede Senkung der Lohnnebenkosten als asozial verwerfen, und auf der anderen die Girondisten, die lediglich eine bessere Verteilung der Sozialkosten fordern. Zu Schröders Zeiten standen sich bei den Jusos die "Stamokaps", welche von der Eroberung der Staatsmacht und der Überwindung des Kapitalismus träumten, und die Reformsozialisten, die auf den Parlamentsweg setzten, gegenüber. Zu den Anführern der Reformer gehörte damals ein junger Sozialdemokrat namens Ottmar Schreiner.

Epistemologischer Bruch

Heute steht mit dem in Anlehnung an Gerhard Schröder durchgängig als "Agenda zwanzig-zehn" verklausulierten Zukunftsprogramm offenbar ein epistemologischer Bruch zur Debatte, der sich mit dem zwischen Reformation und Gegenreformation vergleichen ließe. Obwohl die Jusos mit den Gepflogenheiten des Vereinswesens - vom wuchernden Rednerlisten-Kult über die Kunst ausgefeilter Geschäftsordnungsanträge bis hin zu Konferenzkalauern wie "Bißchen weniger Ruhe, bitte!" - spielen, führt die Spaltung bis auf den Grund des politischen Weltbildes. Die vermeintliche Sonntagsfrage, ob Lohnnebenkosten die Beschäftigung drücken, erinnert in ihrer Tragweite an den Entscheidungskampf zwischen den Verfechtern einer runden und einer scheibenförmigen Erde.

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