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Ortstermin im Madrider „Palace“ : Hier sollen die Geier kreisen

  • -Aktualisiert am

Das Hotel „Palace“ in Madrid ist ein Treffpunkt der Schnäppchenjäger, sie sitzen inkognito in der Bar und im Restaurant Bild: Frank Siemers/laif

In Spanien sind Schnäppchenjäger und Hedgefonds-Manager unterwegs, um die faulen Kredite der Banken zum Discountpreis aufzusammeln. Man sieht sie nicht, aber man spürt sie.

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          Die Nachricht war nicht sensationell, aber sie hatte das besondere Etwas. Sie funkelte. Sie produzierte Bilder in glühenden Farben. Sie fütterte meine Phantasie, als hätte ich einen verbotenen Blick in fremde Träume getan.

          Die Nachricht bestand aus einem Artikel der Londoner Agenturjournalistin Sarah White, der vor vierzehn Tagen um die Welt ging. Mitarbeiter von ausländischen „Geierfonds“, hieß es dort, seien im feinen Madrider Hotel „Palace“ abgestiegen, um bei maroden spanischen Banken und Immobilienfirmen auf Schnäppchenjagd zu gehen. Die Investmentstrategen hätten „Blut gerochen“, sagte ein Banker.

          Auch die Namen der mutmaßlichen Player wurden genannt: Fortress Investment Group, Oak Hill, Corsair Capital, TPG, Apollo. Bei früheren Gelegenheiten seien diese auf Marktkrisen und Zusammenbrüche spezialisierten Hedgefonds in Madrid nicht erfolgreich gewesen. Doch nach der Verstaatlichung von Bankia, ihrerseits ein Zusammenschluss angeschlagener Geldhäuser, und wegen der drohenden spanischen Staatspleite sei die Zeit für Notverkäufe reif.

          Schwarze Punkte am Sommerhimmel

          Zwei Bilder blieben besonders haften. Die Geier. Und das Hotel „Palace“, nach landläufiger Meinung gleich nach dem „Ritz“ die Nummer zwei in der spanischen Hauptstadt. Was haben die Geier und das Luxushotel miteinander zu tun?

          Antwort: gar nichts. Sie passen nicht zusammen. Und doch ist es genau diese Kluft, das Unvereinbare schlechthin, das für das Krisenspanien dieser Tage typisch ist. Die Meldung wurde in den Redaktionsstuben der Welt entsprechend ausgemalt.

          Während die Geier im englischen Originaltext auf Madrid „niedergingen“, hieß es in deutschen Quellen: „,Geierfonds’ kreisen über Spanien.“ Ich hatte Lust, nach oben zu schauen und den Sommerhimmel nach schwarzen Punkten abzusuchen. Punkten, die sich bewegen. Punkten, die langsam niedersinken. Geierfonds! Die Frage wäre noch, ob man mit der Bezeichnung eher den Menschen unrecht tut oder den Tieren.

          Ich ging ins Hotel „Palace“, um nach den Vögeln Ausschau zu halten. Aber im Restaurant waren sie nicht zu sehen. Sie saßen auch nicht an der Bar. Kommt, murmelte ich, schlagt mal mit den Flügeln. Lasst die Schwingen rauschen, damit ich euch erkenne! Dann wurde mir klar, dass Geier ihren Abstand zu wahren wissen. Ich wusste nicht einmal, wie sie aussehen.

          Direkt bei den Hedgefonds in London oder New York anzurufen kam auch nicht in Frage. Hören Sie, hätte ich sagen können. Ich habe auf Ihrer Website die Porträts Ihrer Mitarbeiter gesehen. Sympathische Jungs mit unternehmungslustigen Augen und hinreichend aggressivem Unterkiefer. Manche sprechen sogar Spanisch. Könnten Sie mir vielleicht deren Telefonnummer geben? Ich hätte da ein paar Fragen.

          Glücklicherweise unveräußerlich

          So also nicht. Ich studierte im Hotelrestaurant „La Rotonda“ das polnische Menü zu Ehren der Fußballeuropameisterschaft (55 Euro pro Person) und nahm mir ein Gratisexemplar der „China Daily“ mit. Die Internationalisierung Madrids schreitet unaufhaltsam fort.

          Gleich gegenüber, im Museum Thyssen-Bornemisza, hat gerade eine wunderbare Edward-Hopper-Ausstellung eröffnet. Hopper hat kaum ein Tier auf seinen Gemälden. Einmal einen Hund, eine Schwäche des Spätwerks. Aber keine Geier. Ein paar Schritte vom „Palace“-Hotel in die andere Richtung, und ich wäre im Prado, mit seiner hohen Dichte an Meisterwerken von Velázquez, Goya und El Greco vermutlich der solideste Vermögenswert des Landes. Glücklicherweise unveräußerlich.

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