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Orthodoxes Russland : Ein Hurenheld

  • -Aktualisiert am

Hure oder Heilige? Soweit würde vermutlich nicht mal der fundamentalistische Familienschützer gehen Bild: picture alliance / Robert Hardin

Wenn es um den Erhalt der Familie geht, ist offenbar jedes Mittel recht: Ein russischer Priester schlug jetzt vor, unverheiratete Mütter pauschal als Huren zu bezeichnen.Gut angekommen ist das nicht.

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          Ein Missionar in der sibirischen Taiga hat vorgeschlagen, das Problem des Familienzerfalls in Russland mit mittelalterlichen Stigmata zu bekämpfen. Der Priester Maxim Stepanenko, der die Missionsabteilung der orthodoxen Kirche in Tomsk leitet, verwandte sich in einer Predigt dafür, das altrussische Wort für „Hure“, dessen öffentlicher Gebrauch zwar verboten ist, das aber reale Unterhaltungen unter Männern und Jugendlichen dichter spickt als das F-Wort im Englischen, wieder, wie im siebzehnten Jahrhundert, auf Frauen anzuwenden, die ohne Trauschein mit einem Mann zusammenleben, sowie auf alleinerziehende Mütter.

          Vater Maxim begründet seinen Vorstoß, der unter seinen Landsleuten helle Empörung hervorrief, mit dem, wie er meint, horrenden Befund, dass im Landkreis Tomsk mittlerweile schon 28 Prozent aller Kinder von Nichtverheirateten zur Welt gebracht würden. Eine solche Gesellschaft, glaubt der Geistliche, der auch mit den vielen Sekten aufräumen soll, habe keine Zukunft.

          Beziehungsweise nur eine wie im heutigen Westeuropa, also ohne Christus, dafür aber mit Partnerwechsel und Homosexualität. Aus Jungen, die ohne väterliche Autorität aufwachsen, würden willensschwache Männer, die als Familienoberhaupt nicht taugen, mahnt Stepanenko, der eine rechtsradikale Position innerhalb der russischen Kirche vertritt, die aber viele weltflüchtige Geistliche teilen.

          Stepanenko hat die rote Linie überschritten

          Der philologisch beschlagene Seelenfischer erinnert daran, dass das beleidigende B-Wort aus dem Altkirchenslawischen kommt, den Vokabeln für Irrtum, fürs Sich-Verlaufen, für den verlorenen Sohn zugrunde liegt, und eigentlich im weiten Sinn jemand, der vom Weg abkommt, bezeichnet, oder den Schwätzer und Betrüger. Das Verbot, Dinge bei ihrem kernigen urrussischen Namen zu nennen, werde, so der reaktionäre Sibirer, die Desorientierung nur vergrößern.

          Symptomatischerweise verliert der Gottesmann kein Wort über seine heiratsunwilligen Geschlechtsgenossen, die von ihnen geschwängerte Freundinnen gerne sitzen lassen. Weswegen man im Moskauer Patriarchat befand, dass Stepanenko die rote Linie überschritten hat.

          Der für die Beziehungen zur Öffentlichkeit zuständige Erzpriester Wsewolod Tschaplin tadelte Stepanenkos Vorstoß als beleidigend und kontraproduktiv zu einer Zeit, da immer mehr Paare sich kirchlich trauen ließen. Stepanenkos Predigttext wurde auf kirchliche Weisung gelöscht, Tschaplin stellt ihm eine Extremismusprüfung in Aussicht.

          Die Debatte geht indessen weiter. Ein Wutbürger schlug dem sibirischen Fundamentalisten vor, die Jungfrau Maria, die den Jesusknaben außerehelich empfing, als „Hure“ abzustempeln. Der Moskauer Missionar, Andrej Kurajew, der in der russischen Christenheit den aufgeklärten Gegenflügel vertritt, vermutet, die von Stepanenko diagnostizierten Familienprobleme seien dessen eigene. Jedenfalls würde er alleinerziehende Mütter, so Kurajew, eher als Heldinnen bezeichnen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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