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Arthur Koestler : Die Signaturen der Lebensgefahr

England als geistige Heimat

Und diese Rezeptionsgeschichte des Funds – zu der ja auch dieser verspätete Text gehört – spiegelt, wie Koestler heute wahrgenommen wird: Als Autor, der eher zur englischsprachigen Welt gehört, wo ein Archivfund wie der von Weßel für Aufsehen sorgt. Und wo Studenten ihn bis heute an den Universitäten lesen. Koestler ist dort ein household name eben genau wie Orwell oder Stephen Spender, wie die großen linken Autoren, die vom Glauben abfielen, als sie erkannten, was die Sowjetunion wirklich war: ein Foltergefängnis. Dazu mussten sie gar nicht nach Moskau reisen, sie erlebten es auch im Spanischen Bürgerkrieg.

Koestler hatten die Nazis 1940 nach England vertrieben – was sie mit dem jüdischen Ex-Kommunisten gemacht hätten, kann man sich ausmalen. In England fand er dann eine geistige Heimat – und vor allem auch eine sprachliche: Bis zu seinem Freitod 1983 schrieb er nur noch auf Englisch (über zum Teil verstiegene und esoterische Themen, Koestler stiftete auch einen Lehrstuhl für Parapsychologie an der Universität Edinburgh, sie übernahm dafür seinen Nachlass). Dieser offenbar geglückte Wechsel unterschied Koestler von vielen exilierten Schriftstellern, die mit dem Englischen haderten, überhaupt fremdelten: Erst mit der Fremde, in die sie geflohen waren, dann mit der Heimat, in die sie im Frieden wieder zurückkehrten.

„Koestler ist zweisprachig mit Ungarisch und Deutsch aufgewachsen“, erklärt Weßel. „Wenn er eine Muttersprache hatte, dann dürfte das in den ersten acht bis zwölf Jahren das Ungarische gewesen sein. Als die Familie dann nach Wien zog, wurde Deutsch immer wichtiger. Es gibt aber nirgendwo einen Verweis darauf, dass Deutsch mit seinem Herzen verwachsen gewesen wäre. Beim Englischen war das vielleicht der Fall – er schreibt viel darüber, wie es sein Bewusstsein verändert hat und zu seinem Lebensstil passte. Wenn man seine Rastlosigkeit und Wurzellosigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass er in England seine Heimat finden wollte.“

Auf gepackten Koffern übersetzt

Wenn man sich fragt, warum es Koestler offenbar selbst nicht interessiert hat, wo das Original seines berühmtesten Romans abgeblieben war, könnte es also daran liegen: Er war ein englischer Schriftsteller geworden und froh darüber. Dass er die ungelenke englische Übersetzung seiner Freundin Daphne nie korrigierte, auch die Stellen nicht, in denen sie die brutalen Verhörmethoden und die menschenverachtende Wortwahl der Figuren sprachlich milderte, erklärt Weßel wiederum mit dem Respekt vor ihrer Leistung.

Einen Text auf gepackten Koffern zu übersetzen, der noch nicht mal fertig war. Ihre und seine Fehler sind wie Fingerabdrücke dieser Panik und Klaustrophobie, Signaturen des Authentischen. Koestler selbst habe dann seine Rückübersetzung ins Deutsche als Chance verstanden, einen unter Hochdruck geschriebenen Roman nachträglich zu verbessern. Und wenn man es so betrachtet, werden aus den literaturwissenschaftlichen Daten eines Textes plötzlich Lebensspuren, Lebensgefahrspuren.

„Sie müssen sich vorstellen, unter welchen Bedingungen er das Original geschrieben hat“, sagt Matthias Weßel. „Da war keine Zeit, um an Dingen zu feilen oder elaborierte literarische Finessen einzubauen. Das Manuskript musste nun mal fertig werden!“ Dieses irgendwie fertig gewordene deutsche Manuskript wird die Grundlage einer Neuauflage bei Elsinor sein, dem heutigen Verlag der „Sonnenfinsternis“. Wann es so weit sein wird, steht noch nicht fest.

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