https://www.faz.net/-gqz-8g8xt

Arthur Koestler : Die Signaturen der Lebensgefahr

Ein mörderischer ideologischer Kampf

Jetzt könnte man sagen: Herzlichen Glückwunsch, aber ist das nicht trotzdem germanistische Erbsenzählerei? Was ändert es, das Originalmanuskript eines Buchs zu besitzen, das sowieso schon berühmt ist? Das längst dazu beigetragen hat, den stalinistischen Terror begreifbar, spürbar zu machen? Ein Buch, dessen totalitären Konflikte aber mehr und mehr in Vergessenheit geraten sind, endgültig beschleunigt von den totalitären Konflikten und dem Terror von heute?

Wenn man „Sonnenfinsternis“ jetzt liest, diese stundenlangen Verhöre, in denen es um die Wahrheit der Partei und die Gesetzmäßigkeit der Geschichte geht, dann packt einen vor allem der Horror der Unausweichlichkeit: dass Rubaschow am Ende hingerichtet wird, egal, was er sagt und tut. Die Terminologien des Kommunismus aber sind einem fremd geworden: ein mörderischer ideologischer Kampf wird hier ausgetragen, den man heute intellektuell versteht, der damals aber seinen Lesern körperlich nah gekommen sein muss, sie lebten ja in diesem Konflikt, in den Ideologien, die ein ganzes Jahrhundert zerrissen.

Horror der Unausweichlichkeit

Für Matthias Weßel jedenfalls ändert sich durch den Fund eine Menge. Nicht nur der Fokus seiner Doktorarbeit, der jetzt vor allem auf dem Manuskript liegt: Eben war er noch ein Doktorand, der einen deutschsprachigen Autor sozioökonomisch erforschte, den viele seiner Kommilitonen gar nicht kannten. Jetzt sprechen diese Kommilitonen einen an, wenn man etwas verloren auf den Fluren der Kasseler Fakultät steht, und sagen: „Sie wollen doch sicher zu Herrn Weßel? Hier geht‘s lang.“ Weßel selbst hatte Koestler im Wintersemester 2008/2009 entdeckt, als er in einem Geschichtsseminar über „Deutsche Intellektuelle und die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit“ ein Referat über „Sonnenfinsternis“ hielt.

„Der Fund ist für meine Doktorarbeit ein großer Glücksfall“, sagt er jetzt, und er strahlt jedes Mal, wenn er so etwas sagt, wenn auch etwas verlegen. „Wann passiert das schon, dass man einen Autor wiederentdecken will – und dann kriegt man wirklich eine ganz neue Textbasis?“ Denn genau darum geht es: um diese Wiederentdeckung. Aber sie muss offenbar noch Umwege gehen. Schon im vergangenen August nämlich hatte die Uni Kassel eine Pressemitteilung über ihren Doktoranden und seinen sensationellen Fund herausgegeben.

Und irgendwann wurde aus ihm ein englischer Autor: 1940 floh er nach England und wurde in der Sprache heimisch.
Und irgendwann wurde aus ihm ein englischer Autor: 1940 floh er nach England und wurde in der Sprache heimisch. : Bild: dpa

In deutschen Medien erschienen darauf zwar ein paar längere Meldungen, Weßel gab der „Rhein-Main“-Ausgabe dieser Zeitung ein Interview – aber erst, als kürzlich der große Koestler-Experte und Biograf Michael Scammell in der berühmten „New York Review of Books“ einen längeren Artikel über Weßel schrieb und darin leidenschaftlich forderte, es müsse jetzt auf Grundlage des Originalmanuskripts unbedingt auch eine neue englische Ausgabe des Buchs geben, erst dann kam die ganz große Bewegung in die Sache. Auch die „New York Times“ habe sich jetzt bei ihm gemeldet, erzählt Weßel.

Weitere Themen

„Solos“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Solos“

„Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

Topmeldungen

„Deutschland spricht“ : Wo sich ein Grüner und ein AfDler einig sind

Robert Gödel ist AfD-Mitglied, Yannick Werner bei den Grünen. Beide wollen bei der Aktion „Deutschland spricht“ dem politischen Gegner den Schrecken vor der eigenen Position nehmen – und entdecken dabei einige Gemeinsamkeiten.
Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.