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Arthur Koestler : Die Signaturen der Lebensgefahr

Zwei ziemlich quälende Wochen

Die ersten Einträge der Bestandsliste passen auch dazu, der nächste aber lautet: „Rubaschow. Unveröffentlichtes Manuskript, März 1940.“ Man muss sich Matthias Weßel an diesem Tag, der also sein Geburtstag war, als einen Menschen vorstellen, der Luftsprünge vor seinem Computer macht. „Mehrere“, sagt er. „An dem Abend hab ich schon mal etwas vorgefeiert.“

Und dann? „Dann folgten zwei ziemlich quälende Wochen, bis ich einen Scan des Manuskripts bekam“, antwortet Weßel. Wir sitzen in der Cafeteria seiner Kasseler Fakultät, vor uns auf Tisch liegt das gescannte Manuskript, abgeheftet in einem Aktenordner, ein paar gelbe Klebezettel schauen aus den Seiten heraus, die Seiten selbst: Schreibmaschinenschrift, gut leserliche Anmerkungen von Hand, Striche und Schraffierungen.

„Denn bis dahin war ja alles offen: Ist das Manuskript wirklich auf Deutsch? Ist es vollständig? Gibt es Merkmale, dass es wirklich ein Koestler-Originaltext ist? Und vor allem: Der Verlag weiß jetzt von dem Manuskript, du hast die Züricher Bibliotheksmitarbeiter darauf gebracht, dass es sich um ein relevantes Dokument handelt, jetzt werden es dort Leute in die Hand nehmen und für dich über den Scanner jagen! Und wenn da jemand auf die Idee käme, das weiterzuerzählen, wäre das ja kein Verbrechen gewesen.“

Der Kassler Doktorand Matthias Weßel, der das Koestler-Manuskript fand.
Der Kassler Doktorand Matthias Weßel, der das Koestler-Manuskript fand. : Bild: Uni Kassel

Aber dann kommt der Scan aus Zürich, und Weßel stellt schnell fest: Es ist das Originalmanuskript von „Sonnenfinsternis“. Beziehungsweise ist es ein Durchschlag davon – Koestler hat immer mit mehreren Durchschlägen getippt, das war so seine Art.

Ein Stempel der Zensurbehörde

Die Handschrift der Korrekturen erkennt Weßel sofort von anderen Manuskripten wieder, genau wie Koestlers typische Art, Absätze zu streichen. Ein Stempel der französischen Zensurbehörde verrät, dass dieses Manuskript mit der Post verschickt worden sein muss. Es gab immer Hinweise darauf, dass Koestler sein fertiges Manuskript an seinen Züricher Verleger geschickt haben könnte.

Aber warum hatte es vor Weßel noch niemand anderes entdeckt? Dieses „Rubaschow“-Manuskript konnte man ja offenbar schon seit langem im Züricher Archiv einsehen. Weßler erklärt sich das so: Die ersten Kapitel dieses Manuskripts sind identisch mit den ersten Kapiteln der deutschen Rückübersetzung, die Koestler noch im Krieg begonnen hatte – für die er Passagen des Originals nutzen konnte, die er auf der Flucht aus Frankreich nach England irgendwie doch noch ergattert hatte. Wer also nur oberflächlich hineinlas in das Zürcher Manuskript und es dabei mit den ersten Seiten von Koestlers Rückübersetzung verglich, musste denken, dass es der gleiche Text ist. Ist es aber nicht. „Es stapeln sich die wirklich signifikanten Unterschiede“, sagt Weßel. „Am reinen Inhalt ändert sich tatsächlich nicht viel, für die Ästhetik macht es schon einiges aus. Es hat eine Rückwirkung auf den Stil, und das macht es zu einem literarischeren Phänomen.“ Hunderte stilistische oder inhaltliche Abweichungen habe Weßel schon gezählt – allein in dem kleinen Teil des Manuskripts, den er in der Kürze der Zeit bearbeiten konnte.

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