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Andreas Rossmann (aro.)

Weltkulturerbe in Kempershöhe : Orgelschwestern

Im Bergischen Drehorgelmuseum sind unter anderem mechanischen Musikinstrumenten, Walzen- und Plattenspieldosen sowie Drehorgeln zu sehen. (Archivbild) Bild: Picture-Alliance

Der Orgelbau in Deutschland ist seit 2017 Weltkulturerbe. Für das Bergische Drehorgelmuseum in Marienheide-Kempershöhe kam das etwas unerwartet, nun bereitet man sich auf Besucherströme vor.

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          Der Ort heißt Kempershöhe. Schon mal gehört? Nein? Kein Wunder, hat auch nur 119 Einwohner, ein Ortsteil von Marienheide, ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Gummersbach und Wipperfürth. Ein kleines Wunder aber ist, und das spricht gegen die geringe Bekanntheit bei uns und erklärt, warum sich der Name inzwischen bis nach Fernost herumgesprochen hat, dass Marienheide der prestigeträchtigste Titel zuerkannt wurde, den eine Gemeinde überhaupt erringen kann: Weltkulturerbe der Unesco!

          Seit kurzem hängt die heißbegehrte Plakette am Eingang der ehemaligen evangelischen Dorfkirche in Kempershöhe. Dabei ist die, ein bescheidener Nachkriegsbau, alles andere als eine architektonische Sehenswürdigkeit. Doch seit ihrer Profanierung 2008 hat hier, im Kapellenweg 2–4, das Bergische Drehorgelmuseum seinen Sitz, eine inzwischen auf 250 Raritäten angewachsene Sammlung von mechanischen Musikinstrumenten, Walzen- und Plattenspieldosen, Selbstspielklavieren, Orchestrionen, Flötenuhren, Automaten und eben Drehorgeln. Zusammengetragen hat sie in knapp fünfzig Jahren Ullrich Wimmer, ein promovierter Theologe und pensionierter Pfarrer, der genauso gerne Küchen- wie Kirchenlieder singt und – nicht gerade standesgemäß – mit dem Trio „Leierkastenheiterkeit“ gute Laune verbreitet.

          Warten auf China

          Als im Dezember 2017 der Unesco-Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe auf der südkoreanischen Insel Jeju die deutsche Bewerbung durchwinkte und „Orgelbau und Orgelmusik“ auf die Liste setzte, ahnte Wimmer nicht, dass damit nicht nur die Königin der Instrumente gemeint war, sondern ihre kleinen Schwestern aus dem Hinterhof auch dazugehörten. Bis er eines Tages ein Buch mit dem Titel „Die Krönung des deutschen Orgelbaus. Welterbe – Hintergründe – Werkstätten“ im Briefkasten fand, in dem auch sein Museum vorgestellt wird.

          Womit Marienheide-Kempershöhe, im internationalen Maßstab betrachtet, auf die touristische Weltkarte gesetzt war. Denn Reisegruppen aus China planen ihre Routen durch Europa den Unesco-Weltkulturerbestätten entlang, die sie wie Shoppinglisten abarbeiten, und da bietet sich der Flecken im Oberbergischen für einen Abstecher zwischen dem Kölner Dom und der Essener Zeche Zollverein – für Parteikader zwischen Trierer Karl-Marx- und Wuppertaler Friedrich-Engels-Haus – ganz selbstverständlich an. Eine vierköpfige Vorhut sei, so berichtet Wimmer, schon dagewesen und habe sich auf Englisch und Deutsch alles erklären lassen. Was da auf ihn, sein Museum und den Ort, der nicht einmal mehr an den ÖPNV angeschlossen ist, alles zukommt, möchte er sich noch gar nicht ausmalen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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