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Orden Pour le mérite : Alle Schlagbäume gehen billig in die Höhe

Ordensverleihung mit Vizekanzlerin Christiane Nüsslein-Volhard Bild: Julia Zimmermann

Die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender, die Fotografin Barbara Klemm und der britische Linguist Willem Levelt wurden in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste gewählt. Eindrücke von der Feier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt

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          Wer in den Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste gewählt wird, muss sich selbst historisch werden. Die Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender sah sich, wie sie dem Festpublikum der Öffentlichen Sitzung des Ordens im Konzerthaus am Gendarmenmarkt erzählte, eigentlich fast verpflichtet, ihre Dankesworte mit dem Halbsatz zu eröffnen, in dem sich die Rolle ihres Lebens kristallisiert: „Mir ist die Ehre widerfahren“. Doch nicht als Octavian aus dem „Rosenkavalier“ des Ordensritters Richard Strauss bedankte sie sich, sondern mit dem Überschwang des ersten Verses des dritten Gedichts aus dem von Robert Schumann vertonten Zyklus „Frauenliebe und -leben“ von Adelbert von Chamisso: „Ich kann's nicht fassen, nicht glauben“. Barbara Klemm wählte zur Wiedergabe ihrer Empfindungen im Augenblick der Nachricht von ihrer Wahl in spontaner Prosa dasselbe Wort: Sie habe es kaum fassen können.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Dichter Durs Grünbein hatte in seiner Laudatio auf Barbara Klemm einige der Momentaufnahmen beschworen, die in dieser Zeitung gedruckt worden sind und zum Bildgedächtnis der Bundesrepublik gehören. In der ersten Reihe saß der Protektor des Ordens, Bundespräsident Christian Wulff. Auch er kann sich, Privileg der unter ihrer Sichtbarkeit so oft sichtbar leidenden Personen der Zeitgeschichte, Klemmfotos ins Familienalbum kleben. Der Vorstellungsartikel über den neuen niedersächsischen Oppositionsführer, den Stefan Dietrich auf der Rückseite des ersten Buches unserer Ausgabe vom 17. März 1994 schrieb (erstes Wort: „Nett“), war selbstverständlich mit einem Porträtkopf von Barbara Klemm illustriert.

          Deutsch soll die Umgangssprache im Orden bleiben

          Vor einem Jahr hatte die Öffentliche Sitzung ohne den Protektor stattfinden müssen. Es war der Tag, als Horst Köhler in der Mittagszeit plötzlich dem deutschen Volk den ihm mit dem Amtseid versprochenen Krafteinsatz und dem Orden damit zugleich den Schutz entzog. Dass man die Öffentliche Sitzung vom Montag auf den Sonntag vorverlegt hat, bedeutet allerdings nicht, dass der mit Historikern seit jeher gut bestückte Orden - Fritz Stern ist wie fast jedes Jahr aus New York gekommen, die Begrüßung von Anthony Grafton musste um ein Jahr verschoben werden - nach dem Vorbild des „Spiegel“ den politischen Nachrichten zuvorkommen will. Vielmehr möchte der auf vierzig deutsche und vierzig ausländische Mitglieder begrenzte Club, dessen Jungmitglieder in aller Regel das Pensionsalter erreicht haben, Neugierigen, die im Berufsleben stehen, die Teilnahme ermöglichen.

          Leere Stühle: Vor einen Jahr musste die Ehrung ohne den Protektor stattfinden

          Die Vakanz im Protektorat hatte keine Folgen für die Arbeit des Ordens, der kein Exzellenzinstitut des Bundes, sondern eine autonome Korporation ist. Christiane Nüsslein-Volhard, die als Vizekanzlerin den Kanzler Eberhard Jüngel vertrat, erwähnte in Gegenwart des Protektors, dass die Zuwahlen ohne Mitwirkung des Bundespräsidenten vor sich gehen. Einen Anlass wird es für diesen Hinweis nicht gegeben haben; die protokollarisch höchst versierten Beamten aus der Dienststelle des Kulturstaatsministers haben Wulff zweifellos in geeigneter Form über die vollkommene Machtlosigkeit seines vielleicht schönsten Nebenamtes ins Bild gesetzt. So kam in der Anmerkung der Vizekanzlerin zum Verfahren ihr naturwissenschaftliches Ethos der unverblümten Objektivität zum Ausdruck. Aus jedem Wort, ja, aus dem Ton der Nobelpreisträgerin sprach der Wille, dass die Veranstaltung informativ sein solle - jedenfalls hörte man solche Nuancen an einem Nachmittag heraus, an dem nach Brigitte Fassbaender der Linguist Willem Levelt geehrt wurde, den Lorraine Daston sozusagen als Sprachmelodieforscher vorstellte, der erklären kann, wie aus Gedankengängen Sätze werden.

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