https://www.faz.net/-gqz-z6yr

Orden Pour le mérite : Alle Schlagbäume gehen billig in die Höhe

Der emeritierte Direktor des für ihn gegründeten Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik in Nijmegen bedankte sich für die Wiederanknüpfung an die Tradition niederländischer Berufungen. Nach einer Satzungsänderung ist die Abstimmung über die Zuwahlen nicht mehr den deutschen Mitgliedern vorbehalten. Man legt großen Wert darauf, im Ausland Mitglieder zu gewinnen, die so gut Deutsch sprechen, dass Deutsch die Umgangssprache im Orden bleiben kann. Es ist konsequent, dass nun auch bei der förmlichen Selbsterneuerung des Ordens die Schlagbäume in die Höhe gehen.

Barbara Klemm trägt das Ordenszeichen von Pina Bausch

Robert Weinberg vom MIT hielt auf Bitten der Vizekanzlerin seinen Festvortrag über die Frage, wie Krebs entsteht, in deutscher Sprache. Mit vollendeter, unnötiger Höflichkeit entschuldigte sich der 1942 in Pittsburgh geborene Sohn eines emigrierten Zahnarztes für sein „ostwestfälisches Küchendeutsch aus dem westlichen Teil von Pennsylvanien“. Frau Nüsslein-Volhard rühmte ihrem Fachgenossen nach, er habe Goethes Grundsatz befolgt, nicht mehr mitzuteilen, als man aufnehmen könne, und forderte am Rande der Sitzung sogar Presseberichterstatter auf, diese Maxime zu beherzigen. Denn mag auch das einzelne Neumitglied im Moment der unverhofften Nachricht nicht fassen, was ihm als Person widerfährt, so muss doch der Gegenstand der gemeinschaftlichen Bemühungen das Fassliche sein. Dass Naturwissenschaftler, Geisteswissenschaftler und Künstler zu regelmäßigen Beratungen zusammentreten, hat nur Sinn, wenn sie einander verständlich machen können, woran sie arbeiten. Vorbildlich Frau Dastons Laudatio auf Levelt mit dem sprechenden Detail: Dass unsere Gedanken sich wie von selbst der zeitlichen Anordnung eines Satzes fügen, wird daran sinnfällig, dass wir bei der Beschreibung eines Bildes die Kopula „und dann“ verwenden.

Barbara Klemm sagte, sie verstehe ihre Aufnahme auch als Ehrung der Fotografie als Kunst, die vielfältig benutzt, aber noch zu wenig gewürdigt werde. Vor ihr hat es nur einen Fotografen im Orden gegeben: das Gründungsmitglied Louis Jacques Mandé Daguerre, in der offiziellen Liste geführt als Maler und Erfinder der Lichtbilder. William Fox Talbot, sagte Barbara Klemm, hätte als Mit-Erfinder geehrt werden sollen. Und sie verlas eine Ehrentafel der Übersehenen, derjenigen, die, wie sie ihr Handwerk charakterisierte, die auf die Wiedergabe des Sichtbaren und Abbildbaren beschränkte Technik zu einem Instrument der sozialkritischen Dokumentation gemacht haben, die unser historisches Gedächtnis mitbestimmt: Eugène Atget, Roger Fenton, Eugene Smith, Lewis Hine, Dorothea Lange, Robert Capa, Erich Salomon, Henri Cartier-Bresson.

Auf der Rückseite jedes Großen Ordenszeichens sind die Namen der früheren Träger eingraviert. Brigitte Fassbaender trägt das Ordenszeichen von Thomas Mann, Wilhelm Furtwängler, Carl Orff und Carlos Kleiber. Ihre Brangäne im „Tristan“ unter Kleiber wollte ihr Laudator Aribert Reimann unter allen ihren 250 Schallplatten herausgehoben sehen. Barbara Klemm trägt das Ordenszeichen von Pina Bausch, die der Archäologe Bernard Andreae vor einem Jahr in seinem Nachruf gleichrangig neben Praxiteles gestellt hatte. Barbara Klemms tänzerisches Naturell hatte Durs Grünbein in einer früheren Laudatio beschrieben. Mit ihrer Kunst, die Bewegung anzuhalten, bewahrt sie die Erinnerung an die von Daguerre noch praktizierte Malerei. Wie Pina Bausch, von Andreae zitiert, interessiert auch sie „nicht, wie sich Menschen bewegen, sondern, was sie bewegt“.

Weitere Themen

Das sind Gottes neue Sinnfluencer

Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

Topmeldungen

Diego Maradona : Die Schönheit des Spiels

Keiner verkörperte den Fußball wie Diego Maradona – und das nicht trotz, sondern vielleicht gerade wegen seiner vielen Schwächen. Eine Würdigung dieser Jahrhundertfigur des Sports.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.