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Optimismus in der Kunst : Russland wird zum Land des Lächelns

Der Moskauer Künstler Alexej Kallima malt die zur Schau gestellte gute Laune, die bei seinen Landsleuten seit der Krise zum guten Ton gehört. Zu sehen sind seine Bilder in einer Moskauer Galerie.

          2 Min.

          Unter den Russen, die nicht gerade für ihr heiteres Naturell berühmt sind, ist seit Ausbruch der Krise auch ein eigentümlicher Optimismus ausgebrochen. Mitarbeiter von Kultureinrichtungen, die man als nüchterne Zeitgenossen kennt, texten, seit der Rubelkurs um die Hälfte eingebrochen ist, Gesprächspartner enthusiastisch zu mit ihren Projekten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Manager, gestern noch nachdenklich und skeptisch, scheinen neuerdings, da viele ihrer Kollegen aus dem Geschäft sind, gar nicht zu wissen wohin mit ihrer guten Laune. Selbst in Moskauer Fußgängerunterführungen kann man jugendliche Bandmusiker erleben, die sich forciert fröhlich produzieren, während sie Passanten um eine milde Gabe angehen. Umso bedeutsamer ist es, dass der Moskauer Maler Alexej Kallima der neuen Kultur des Lächelns in seinem Land ein vielteiliges Werk gewidmet hat, das noch bis zum 26. Juni in der Galerie „Regina“ im hauptstädtischen Kunstzentrum Vinzavod zu sehen ist.

          Unter dem Titel „Zuschauersaal“ (Sritelnyj sal) versammelt die Schau fünfundsechzig Porträts von Künstlerkollegen, die Kallima während der vergangenen Monate angefertigt hat. Es sind Ölgemälde auf Leinwand, die Mitglieder der heutigen Künstlergemeinde im fotografisch-neukonstruktivistischen Stil der sechziger Jahre verewigt. Der großartige Zeichner Kallima verleiht ihnen mit großzügigem Pinselstrich eine lichte Retro-Aura und überzeichnet ihre Züge nur ganz leicht. Auf einem Doppelbildnis blicken fast befremdlich freundlich Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von „Pussy Riot“ mit fröhlich blau beziehungsweise hennarot gefärbtem Haar. Ein Porträt zeigt den lächelnden Performance-Senior-Meister Oleg Kulik, auf einem anderen neigt Pop-Monumentalmaler Wladimir Dubossarski, seine Zigarette kauend, sich keck seitwärts. Einige Künstlerinnen, Irina Korina, Tatjana Wolkowa, Irina Gorlowa, erscheinen halbfigurig auf größerem Format, vor dem in die Raumtiefe lockenden Korridor eines schmucken modernen Gebäudes. Paare wie der französische Sammler Pierre Brochet und seine Künstlergattin Anna oder Maxim Xjuta und Elena Rubinina präsentieren sich gar Arm in Arm. Wieder andere, etwa Kallimas Freunde Oleg Jelissejew und Jewgeni Kukowerow oder die „Regina“-Galeristen Wladimir und Michail Owtscherenko, posieren vor einer Designfläche.

          Der „Zuschauersaal“ zeigt, da Künstler visuelle Zeitzeugen sind, die menschliche Kollektivkamera der Gegenwart. Kallima gibt sich überzeugt, es seien der Humor und die Lustigkeit, womit die zeitgenössische Kunst das Publikumsinteresse überhaupt wach halten könne. Mit seinen Lächel-Bildern kämpfe er zugleich gegen den Konzeptualismus, der ein ironisch abstrahierendes Verhältnis zur Welt kultiviert, und zwar mit dessen eigenen Mitteln, der humorvollen Distanzierung, gesteht der Künstler. Denn Grund zum Lächeln hätten heute die wenigsten. Das Lächeln wird zum Ausdruck von Tapferkeit und Ethik, für muffige Mienen ist das soziale Polster einfach zu dünn geworden. Und wirklich, Kallimas comichafte Personencharakterisierung, die an überbelichtete Fotos erinnernden, ausgebleichten Farben machen auch spürbar, wie fragil die Oberfläche des Sichtbaren und wieviel Anspannung erforderlich ist, die in nächster Nähe lauernde Verzweiflung zu überdecken. „Regina“ will Kallimas „Zuschauersaal“ nur im Ensemble verkaufen, für 60.000 Euro.

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