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Optimismus der Fremden : Wer ist Flüchtling?

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Ein Jahr nach der Ankunft in Deutschland glaubte ich wie jener optimistischste Flüchtling von Hannah Arendt, dass ich Deutsch besser beherrsche als irgendeine andere Sprache. Auch der Patriotismus ist für Hannah Arendt eine reine „Übungssache“. Der „ideale Einwanderer“ ist jener, der „sofort die einheimischen Berge entdeckt und liebt“. Er ist ein Patriot, ein Landliebender. Er liebt das Land, in dem er sich neu einrichtet. Auch ich liebe dieses Land. Ich habe mich eines Tages einbürgern lassen und habe dafür den koreanischen Pass aufgegeben. Nun bin ich ein Deutscher. Inzwischen spreche ich Deutsch besser als meine Muttersprache, die nun wirklich zu einer bloßen Muttersprache verkommen ist. Ich spreche Koreanisch nämlich nur mit meiner Mutter. Meine Muttersprache ist mir nun fremd geworden. Ich liebe Deutschland. Ich würde mich sogar als Patriot, als Landliebenden bezeichnen. Ich bin auf jeden Fall patriotischer als Petry, Gauland und Höcke zusammen. Mit ihrem verantwortungslosen Populismus entwürdigen sie Deutschland, mein Land, das für mich immer ein sehr gastfreundliches Land gewesen ist.

Was heißt, ein guter Bürger zu sein?

Wer ein guter Bürger im Herkunftsland war, wird auch im neuen Land ein guter Bürger sein. Wir sollten diese „Neuankömmlinge“ weiterhin willkommen heißen. Wer bereits im Herkunftsland kriminell war wie Anis Amri, wird im neuen Land weiterhin kriminell bleiben. Wir werden ihn abweisen. Wir sollten den Neuankömmlingen hingegen ein Umfeld anbieten, in dem sie gute Bürger werden können.

Der Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han

Was heißt aber, ein guter Bürger zu sein? Ich bin der zweite Koreaner, der an der Berliner Universität der Künste Professor geworden ist. Der erste koreanische Professor der UdK Berlin hieß Isang Yun. Er war ein bedeutender Komponist. Er war ein politischer Mensch. In den sechziger Jahren protestierte er heftig gegen die damalige Militärdiktatur in Südkorea. Er wurde 1967 mitten in Deutschland vom südkoreanischen Geheimdienst entführt. In Seoul wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach seiner frühzeitigen Entlassung kehrte er nach Deutschland zurück, nun vom südkoreanischen Regime ausgebürgert. Er wurde Flüchtling und ließ sich in Deutschland einbürgern. Vielleicht würde er aber wie Hannah Arendt bestreiten, dass er ein Flüchtling sei. „Ich bin ein guter, optimistischer Einwanderer“, hätte er wie Hannah Arendt gesagt. Sein Deutsch war exzellent.

Am liebsten möchte ich erneut in ein Traumland

Ein guter Bürger ist gut aus seiner Gesinnung heraus. Er teilt die moralischen Werte wie Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit. Sein Handeln gegen das herrschende politische System mag von diesem kriminalisiert werden. Aber er ist trotzdem aufgrund seiner moralischen (im Kantischen Sinne) Gesinnung ein guter Bürger und auch ein Patriot, ein Land- und Menschenliebender.

In den letzten Jahren seines Lebens war Isang Yun wegen offen ausbrechender Fremdenfeindlichkeit im wiedervereinigten Deutschland verzweifelt. Angesichts der applaudierenden Masse vor dem in Brand gesetzten Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen zeigte er sich bestürzt. Und er war enttäuscht, denn er liebte Deutschland. Das Geschehen in Rostock glich auch in meinen Augen einem Pogrom. Im Moment beunruhigt mich die angesichts vieler Flüchtlinge wieder aufflammende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Am liebsten möchte ich erneut in ein Traumland, in ein gastfreundliches Land flüchten, in dem ich wieder ganz ein Patriot, ein Landliebender sein darf.

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