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Oppermanns Vorschlag zur Wahl : Deutschland sucht den Supersozi

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Auf dem Weg zur wahren Volkspartei: Thomas Oppermann, stellvertretender Bundestagspräsident, und Andrea Nahles, ehemalige Parteivorsitzende der SPD, im September 2017. Bild: Picture-Alliance

Auch wer kein SPD-Mitglied ist, soll sich an der Wahl des Parteivorsitzenden beteiligen dürfen, findet Thomas Oppermann. Das wäre ein Fest für den politischen Gegner. Und nicht nur für den.

          Vielleicht sind es ja die hohen Temperaturen. Thomas Oppermann (SPD) hat vorgeschlagen, alle Bürger an der Wahl des SPD-Vorsitzenden zu beteiligen. DSDS, Deutschland sucht den Supersozi: An den Abstimmungen über Parteivorsitz und Kanzlerkandidaten seiner Partei sollen gegen eine Gebühr von fünf Euro auch Nichtmitglieder teilnehmen können. Oppermann hielte das für einen mutigen Schritt, der Offenheit sowie „echte Partizipation“ signalisiere und die SPD wieder „zu einem gesellschaftlichen Projekt“ mache. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sieht das beim Kanzlerkandidaten ähnlich, nämlich „spannend“, nur über den Vorsitz der Partei würde er nicht so entscheiden lassen.

          Mit der Möglichkeit, dass ein derartiges Verfahren aber nur einen ruinösen Gebrauch von Begriffen wie Offenheit, Teilhabe und gesellschaftliches Projekt dokumentierte, rechnen beide offenbar nicht. Vielleicht, weil ihnen die Einbildungskraft fehlt sich vorzustellen, was los wäre, wenn ihnen am Urwahlabend der Herr Schönenborn vom Fernsehen vorrechnen würde, dass es gar nicht die SPD-Mitglieder, sondern die 5-Euro-Teilhaber gewesen sind, die den Ausschlag gegeben haben. Oder es fehlt ihnen die Phantasie dafür, welche Legitimität ein Kanzlerkandidat der SPD noch hätte, wenn herauskäme, dass Anhänger anderer Parteien, sagen wir mal: der FDP, der Linken oder der AfD, sich massiv am Selbstfindungsprozess der Sozialdemokraten beteiligen haben.

          Allein die Ungewissheit, ob es so wäre, würde fatal sein. Die englische Labour Party – ein winziger Verein verglichen mit der SPD – hatte 2015 Jeremy Corbyn so zu ihrem Chef gemacht, vorher aber angeblich geprüft, ob die Nichtmitglieder, die für drei Pfund mitmachen durften, wirklich „Unterstützer“ der Partei seien und nicht erklärte Gegner: per Selbstauskunft und per Google. Doch die Risiken drohen ja nicht nur von außen.

          Muss man, um Oppermanns Verstand zu erreichen, die Möglichkeit ausmalen, Thilo Sarrazin (SPD) erklärte sich bereit zu kandidieren und daraufhin kauften sich alle Leser seines Bestsellers ein Wahlticket? Vielleicht reichte zur Wiedergewinnung des Verstandes aber auch die Einsicht aus, dass in der SPD derzeit nur etwas noch knapper ist als Unterstützer und Wähler, nämlich Kandidaten.

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