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Opfer des Schönheitswahns : Eine neue Mode?

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TIANA Bild: Phillip Toledano

Der Tod muss doch zu bannen sein! Phillip Toledano hat Menschen fotografiert, die so künstlich zurecht-operiert worden sind, dass sie wie posthumane Wesen anmuten. Sieht so die ästhetische Zukunft aus? Ein Besuch bei dem Künstler.

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          Schön, nichts gegen Platon, Kant oder Oscar Wilde. Zur Abwechslung aber soll uns mal nicht interessieren, was sie über die Schönheit gesagt haben. Halten wir uns an Fachleute jüngeren Datums, etwa an jene Exponenten der evolutionären Psychologie, bei denen immer wieder drei Begriffe auftauchen, wenn es um ein Gesicht geht, das die meisten von uns als schön empfinden. Voraussetzung dafür sollen Symmetrie, reine Haut und Durchschnittlichkeit sein. In diesem elementaren Rahmen mag es Variationen im Laufe der Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende geben, aber ansonsten bleiben sich die Fundamente gleich. Angelina Jolie könnte wohl mit dem Wohlgefallen von Immanuel Kant rechnen.

          Symmetrie und reine Haut weisen auch die Männer und Frauen unseres Zeitalters auf, die der Fotograf Phillip Toledano porträtiert hat. Von Durchschnittlichkeit kann allerdings nicht mehr die Rede sein. Lippen sind zu sehen, die sich wie prall gefüllte Schläuche zwischen Kinn und Nase schieben. Brüste in Form skurriler Luftballons, die zu zerplatzen drohen. Nasen von verwirrend makelloser Geradlinigkeit. Augen, um die sich die Haut ohne auch nur den Anflug eines Fältchens strafft, und Augenbrauen, die einen perfekten Bogen in skulpturale Glätte zeichnen.

          Arme, verblendete, schönheitssüchtige Wesen

          Sind diese Exempel menschlicher Elementarzonen im Einzelnen schon verstörend genug, geben sie in ihrem Zusammenspiel nur noch Rätsel auf. Gesicht und Körper verweigern sich vertrauten Harmonien. Wer die Maßstäbe der Durchschnittlichkeit anlegt, wird nicht viel finden, was sich an ihnen orientiert. Natur liefert lediglich den Grundstoff für egal wie phantastische Manipulationen.

          Es sind Menschen, von denen andere Menschen schnell behaupten, sie seien Schönheitschirurgen zum Opfer gefallen. Arme, verblendete, schönheitssüchtige Wesen. Phillip Toledano hat sie anders kennengelernt: „Viele waren gar nicht mehr interessiert an einer traditionellen Schönheit.“

          Ihr Ideal haben sie jenseits menschlicher Normen gefunden, in Katzenaugen vielleicht oder in den streng stilisierten Figuren aus japanischen Animationsfilmen, den Anime. „Es ist ihre ganz eigene Vorstellung von Schönheit. Eine posthumane Schönheit.“ Für Toledano sind sie Avantgardisten auf einer individuellen Schönheitssuche, die in ihren Anfängen steckt. Denn noch fehlt die Technologie, um all die Phantasien zu verwirklichen und Metamorphosen herbeizuführen, um all die extremen Transformationsträume zu erfüllen. Unsere wunschgemäß umgestalteten Nachfahren könnten bald auf die Bilder ebenso entgeistert reagieren, wie wir es heute angesichts von Darstellungen chirurgischer Eingriffe aus dem 16. Jahrhundert tun.

          „Ist Schönheit dabei, sich in etwas anderes zu verwandeln?“

          Entgeistert sollten wir aber nicht vor Toledanos Porträts stehen. Betrachten wir die Fotografien, schauen wir eigentlich in einen prophetischen Spiegel. Das Buch, in dem sie versammelt sind, hat der Fotograf „A New Kind of Beauty“ genannt. Er hält sich in seinem Urteil zurück, auch wenn er uns schon einen Blick in unsere Zukunft mit ihrer völlig neuen Art von Schönheit gewähren will. In ein paar Jahren gepolsterte Lippen als obligate Grundausstattung für alle? „Solche Lippen sind bloß eine Mode, wie Sportausrüstung von Nike“, sagt Toledano. „Das sind Eingriffe an der Oberfläche. Im Endeffekt wird es genetisch zugehen.“ Er macht sich darauf gefasst, dass seine Tochter in fünfzehn Jahren als Teenager mit blauer Haut nach Hause kommt.

          Er fragt sich: „Ist Schönheit dabei, sich in etwas anderes zu verwandeln? Könnten einige Leute unsere traditionelle Schönheit als unglaublich langweilig empfinden? Könnte es künftig geschmacklos sein, wie ein Mensch auszusehen? Könnte es als Zeichen von Armut verstanden werden?“ Die Antworten sind nicht in den Porträts zu finden. Ihre formalistische Strenge und marmorne Politur vor dunklem Grund umweht das Flair eines altmeisterlichen Handwerks, als wären die Holbeins ins Fotoporträtgeschäft umgestiegen. Den Porträtierten hat so viel klassische Zurückhaltung nicht immer gefallen.

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