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Opfer der Entwicklung : Abschied vom Automann

  • -Aktualisiert am

Abgang Bild: AP

Das erste große Landsäugetier, das der Kombination aus Erderwärmung, Emanzipation und demographischer Entwicklung zum Opfer fallen wird, ist nicht der Eisbär, sondern der Automann. Ein Nachruf von Nils Minkmar.

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          Das erste große Landsäugetier, das der Kombination aus Erderwärmung, Emanzipation und demographischer Entwicklung zum Opfer fallen wird, ist nicht der Eisbär, sondern der Automann. Das ist für manche vielleicht noch eine lustige Vorstellung, denn die Straßen werden ja auch morgen früh noch voller allein fahrender Alleinverdiener in glänzenden, teuren Pkws auf dem Weg in die Industriejobs sein, und zwar viel zu voll.

          Aber die Weichen sind gestellt, es wird kein Zurück mehr geben: Sie sind, wie in den Tex-Avery-Cartoons, längst über den Rand des Plateaus hinausgefahren und hängen jetzt in der lichten Höhe über einem tiefen Canyon. Man kann das Einschlagloch mit den Umrissen eines SUVs bereits ahnen. Prozesse, die sich seit Jahren aufstauen, brechen sich nun Bahn, alles geschieht zugleich. Wer hätte noch vor Wochen damit gerechnet, zu erleben, dass der CSU-Generalsekretär fordert, Verbrennungsmotoren zu verbieten?

          Militär und Landwirtschaft, das Wichtigste im Leben

          Die Situation gleicht der eines Frühlingsmorgens des Jahres 1857: Man hat schon sehr viel von der Industrialisierung, jener sagenhaften Verfleißigung auf der Basis neuer Energiequellen, gehört, die Eisenbahnen fahren - aber wenn man mit einer Art geschichtswissenschaftlichem Google Earth über die deutschen Lande jener Monate hinüberschweben würde, sähe man überall Dörfer und kleine Städte, deren Rhythmus weiterhin vom Tageslicht und den natürlichen Energiequellen geprägt ist.

          Automänner lieben blitzblank geputzte Fassaden

          Die überwiegende Mehrheit der Menschen ginge ihrer Arbeit auf den Feldern nach, und wer das Glück hatte, als Hufschmied zu arbeiten, freute sich, denn Pferde würde es immer geben. Militär und Landwirtschaft, also das Wichtigste im Leben, waren ohne Pferde undenkbar.

          Allianz von Gold und Eisen

          Dann ging alles ganz schnell. Das tausendjährige Feudalzeitalter verabschiedete sich in wenigen Jahrzehnten. Es wurde nicht nur die berühmte Allianz von Gold und Eisen, sondern auch von Feuer und Arbeit geschmiedet, der prometheische Bund, der bis gerade eben noch hielt: Männer verdienen in der Nähe hoher Temperaturen oder komplizierter Maschinen das Geld und sorgen auf eine heroische und stumme Art für Wachstum, Frauen kultivieren ihre, eine andere Welt.

          Es ist ein Märchen, dass Frauen in vorindustrialisierten Gesellschaften oder selbst in der Industrialisierung nicht gearbeitet hätten. Sie haben, selbst in bürgerlichen Schichten, in der häuslichen Produktion - die etwa die Herstellung von Seife und Gänsedaunenbettdecken umfassen konnte - schwer geschuftet. Aber eben in der Regel nicht auf die heroische Weise, nicht in der Nähe des großen Geldes, der hohen Temperaturen, nicht im Bergbau, in der Stahlerzeugung oder im Militär. Mit Letzterem war, eine jahrhundertealte Selbstverständlichkeit unterbrechend, nach der jeder Mann in sein Regiment gehört, nach 1945 Schluß.

          Männerbund zwischen Arbeit und Kapital

          Aber das Auto kam auf. Wie zum Trost. Es kommt noch heute ganz selbstverständlich jedem Kommentator über die Lippen: „der Deutschen liebstes Kind“. Man soll sich nicht täuschen, das ändert sich schnell: Auch die Uniform, der deutsche Schäferhund und die Bergmannsziege hatten mal diesen Status inne. Es wird, auch mit dem schnellsten DSL der Welt, immer Individualtransport geben müssen, und bevor es mit dem Beamen so weit ist, wird das auch immer mit Autos zu tun haben: Irgendwas Biomorphes, sauber angetrieben, wird in der Einfahrt stehen, aber es wird nie mehr so sein wie damals, in den Zeiten der frischen Verbundpflastersteine vor der weißverputzten Garage.

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