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Opernskandal : Der Exorzist

  • -Aktualisiert am

Theater der Grausamkeit: Calixto Bieito inszeniert Verdis „Troubadour” Bild: dpa

Wie Calixto Bieito der Oper gewaltsam die Kunst austreibt: Ein inszenierter Opernskandal lockt Fernsehkameras und Mikrophone an, um die wütenden Stimmen des Publiums aufzunehmen.

          Seit er in Madrid und Salzburg Shakespeares "Macbeth" als Sex-and-Crime-Party herrichtete; seit er in Barcelona, Kopenhagen und London Verdis "Un Ballo in Maschera" als ein blutiges  "Fassbinder-Fellini-Cabaret" über den Franco-Pinochet-Terror vorführte; seit er in Barcelona, London und Hannover den Titelhelden in Mozarts "Don Giovanni" zum Gossen-Juan depotenzierte  - seither erfüllt der vierzigjährige spanische Regisseur Calixto Bieito zuverlässig alle Hoffnungen auf einen Skandal, der über Nacht zur großen Mode wird. Was er auch zubereitet - meist gleich für zwei oder drei koproduzierende Bühnen -, ist Manna für die Abendkasse, Gift fürs Abo, Futter für die Schlagzeilen.

          Der Verdacht, daß Bieito nun auch Verdis "Il Trovatore" dem Publikum in Hannover mit der Gewalt eines Faustschlages darreichen würde, hatte die Goldgräber vermeintlicher Skandale zur Premiere angelockt: Fernsehkameras und Mikrophone suchten emsig nach empörten, entzückten, wütenden, belustigten Mienen und Stimmen des Publikums. Das Programmheft, zuständig für den höheren Sinn des Abends, erläutert die "Konzeption und Erzählweise der Inszenierung" dahingehend, sie wolle  die Oper über "Menschen im Schatten des Todes in ein neues Licht stellen".

          Verklärende Idealität?

          Bieto übersetzt die düstere Handlung des "Trovatore" - eine Geschichte von Flammentod und Kindesmord, von Eifersucht und Vergeltung - ins Inferno einer aktuellen Bilderwelt des Grauens. Ein Mann, der unlängst in einer Gaststätte in Hannover von einem Unbekannten mit Benzin übergossen und angezündet wurde (ein Repro der Zeitungsnotiz findet sich im Programmheft), bekommt  schon in der ersten Szene seinen Wiedergänger auf der Bühne. Fortan wird  eine entsetzliche Blutkirmes aufgeführt: mit Schlägereien, homo- und heterosexuellen Vergewaltigungen und Folterexzessen von natural born killers, gipfelnd  in einer offenbar Pasolinis "Salò" nachempfundenen Szene, in der eine vertierte Soldateska über der Leiche einer gefolterten und geschändeten Frau uriniert. Graf Luna, vor lauter Lust, daß die Heldin sich ihm hingeben will, um ihren Geliebten zu retten, onaniert. Die in den Wahnsinn gefolterte Azucena beschmiert sich mit ihren Fäkalien und stimmt mit  klagendem Kind-Geister-Stimmchen die Melodie von "In unsere Heimat kehren wir wieder" (Ai nostri monti) an - mit herzzerreißender Wirkung.

          Und apropos Melodie: All das, was Thomas Mann mit Blick auf den Tod von Aida und Radames als "verklärende Idealität der Musik" bezeichnet hat,  wird dem Stück durch Bieitos szenischen Exorzismus ausgetrieben. Der Gesang wird weitgehend ins Fortissimo-Gebrüll gesteigert oder vom Geschrei gefolterter Menschen durchsetzt. Wenn Leonora ihre erste Arie singt und dabei ihrer eigenen Stimme aus dem Kofferradio lauscht, wenn Manrico vor der Stretta seine Gitarre zerdeppert, dann verwandelt sich diese Aufführung ins Negativbild von Oper: Der Zuschauer bekommt nicht durch Liebe, Leid und Verzweiflung motivierten Gesang zu hören. Er wird mit der Gewalt selber konfrontiert.

          Opernamok

          So wird Oper zum Gefäß für die Horrorbilder der alltäglichen Realität. Die Wahrheit über den "Troubadour" erfährt man jedoch nicht durch jähen  Übergang von der Kunst in die Wirklichkeit. Das Stück wird völlig entkunstet, die Simulation realer Gewalt bietet ihrerseits nichts anderes als einen theatralischen Widerschein: einen mit größter Virtuosität inszenierten und  in vielen Bildern suggestiven apokalyptischen Albtraum. Dabei nimmt Bieito eine ähnliche Perspektive ein wie der Amokschütze in Peter Bogdanowitschs Film "Bewegliche Ziele": Er zielt durch die Leinwand (vielmehr den Vorhang) auf die Besucher.

          Zahlreiche der Getroffenen  verließen zur Pause das Theater, etliche andere im zweiten Teil. Groß war die Gruppe derer, die mit Freude, teils geradezu befremdlich enthemmt, dem Theater der Grausamkeit als einem besonders pikanten Lust-Spiel zujauchzten, jubelten, juchzten.

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