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Opernbesuch in Corona-Zeiten : Das Haus ist zu voll, das Haus ist zu leer

Immer einen Opernbesuch wert: Paula Murrihy, hier in der Titelrolle in „Carmen“ an der Frankfurter Oper Bild: Barbara Aumüller

Ein Vergnügen ist es allemal. Doch ist ein Opernbesuch in diesen Zeiten solidarische Pflicht, oder sollte er verantwortungsbewusst besser ausfallen? Überlegungen aus gegebenem Anlass.

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          Die Frankfurter Oper hat kurzfristig eine zusätzliche Aufführung von „Carmen“ ins Programm genommen, in der Titelrolle wird ausnahmsweise noch einmal die großartige Paula Murrihy auftreten. Eine Woche vor dem Termin beschließt eine Kleinfamilie am Rand der Stadt, die Chance zu nutzen, zumal die Inszenierung von Barrie Kosky Kultstatus genießt. Der Familienvater wird beauftragt, sich um die Karten zu kümmern.

          Am nächsten Abend die Nachfrage, ob er erfolgreich war. Er habe mit dem Kauf noch gezögert, sagt er, man wisse ja nicht, ob nicht doch wieder ein Lockdown komme, das liege doch in der Luft, siehe das unglückliche Österreich. Es gebe zudem keinen Anlass für Eile, schließlich sei dem Sitzplan im Online-Auftritt des Opernhauses zu entnehmen, dass in allen Preiskategorien noch sehr viele Tickets zu bekommen seien. Am nächsten Tag hat sich in dieser Hinsicht wenig getan, am Tag darauf ebenfalls. Inzwischen denkt sich der Familienvater, dass es doch eine ziemlich triste Angelegenheit wäre, mit wenigen anderen eine Opernaufführung zu erleben, zumal eine „Carmen“, da können die Sänger noch so toll sein. Und als er das beim Abendbrot ausspricht, wird ihm entgegnet, dass ein volles Haus eine viel schlimmere Vorstellung wäre. Was ja auch wieder stimmt, denkt er sich. Und dass das schwierig wird, eine Besetzung des Zuschauerraums zu finden, die die Mitte zwischen erlebnisfördernder Fülle und pandemiegerechter Abstandswahrung hält – gefragt wäre eine Art Mengenleere.

          Er wird ob seiner eigenen Unentschiedenheit melancholisch und stellt sich vor, dass in diesem Moment viele andere Frankfurter den Saalplan aufrufen und sich überlegen, ob der Zeitpunkt gekommen ist, Karten für „Carmen“ zu kaufen. Was sie einerseits gerne wollen, nicht nur zur eigenen Erbauung, sondern auch als eine Art Zeichen der Solidarität mit den Kulturschaffenden; es ist ja für Künstler keine schöne Sache, vor leeren Stühlen zu singen, spielen oder lesen. Und andererseits zögern die potentiellen Operngänger, was ohnehin die Grundhaltung der Corona-Zeit ist, die Politik macht es vor.

          Vor dem inneren Auge des Familienvaters sitzt Intendant Bernd Loebe derweil traurig und einsam in seinem Riesenbüro und checkt die Bestellungslage. Ob er wohl überlegt, die Aufführung abzusagen? Ein Anruf in der Oper ergibt, dass das nicht zur Debatte steht. Und dass viele Aufführungen in den vergangenen Wochen gut besucht gewesen seien. Neuerdings gelte allerdings 2G+, ein aktueller Test ist also vorzulegen. Im Familienrat wird noch zu klären sein, ob dieser Schritt das Sicherheitsgefühl ausreichend stärkt oder als ultimative Hürde wahrgenommen wird.

          Matthias Alexander
          Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.

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