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„Operation Walküre“ in Großbritannien : „Sie haben es versucht“

Das Boulevardblatt „Sun“ sieht in „Operation Walküre“ die Antwort auf die ewige Frage, warum die Deutschen nicht versucht hätten, ihren „rassenmörderischen Führer“ zu stoppen. „Observer“ und „Times“ beklagen indes, dass der Film nicht von einem deutschen Regisseur kommt.

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          Die britische Kritik hat Bryan Singers „Valkyrie“ nicht so sehr verrissen wie mit flauem Respekt aufgenommen. Die Bewertungen schwanken zwischen zwei und drei von fünf Sternen, wobei die meisten Rezensenten sich trotz lobender Worte für die niedrigere Note entschieden. Von den groben Sticheleien und albernen Hieben, welche die britische Berichterstattung über die „Hunnen“ so lange kennzeichnete, sehen die Kritiker, einschließlich der des Massenblattes „Sun“, dankenswerterweise ab. Die Zeitung, die sich nie zimperlich zeigte im Umgang mit den Deutschen, berichtet, dass oft gefragt werde, warum die Deutschen nicht versucht hätten, ihren „rassenmörderischen Führer Hitler“ zu stoppen: Die Antwort laute, sie haben es versucht.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Philip French, der Veteran unter den Filmjournalisten, geht im „Observer“ früheren Verfilmungen des Themas nach und zitiert den Autor Roger Manvell, Kenner sowohl des Kino als auch der Geschichte des Hiter-Regimes, der in seinem Buch „Filme und der Zweite Weltkrieg“ Mitte der siebziger Jahre schrieb, es müsse noch einige Zeit vergehen, bevor die Darstellung der Nazi-Führung sowohl künstlerisch als auch psychologisch akzeptabel sei.

          Hirschbiegel hätte den Stoff verfilmen müssen

          Oliver Hirschbiegel habe mit seinem „maßgeblichen Bunker-Film“ diese Kriterien erfüllt, schreibt French und meint, der deutsche Regisseur hätte nach „Untergang“ einen Film über das Attentat vom 20.Juli drehen sollen, denn Singers „Valkyrie“ spiele nicht in derselben Klasse. Man lerne nichts über die Motive der führenden Mitglieder dieses seltsamen Bündnisses: Wann wandten sie sich von dem Regime ab? Welche Zukunft schwebte ihnen für Deutschland vor? Rechneten sie damit, dass der Anschlag gelingen werde, oder wollten sie bloß eine große Geste machen, die sie mit Gott und dem Nachleben versöhne? „Diese Fragen bleiben weitgehend ungestellt und demnach unbeantwortet“, klagt French. Das Thema verlange eine dokumentarische Bearbeitung oder eine fantasievollere Interpretation als die gradlinige Schilderung.

          Unter dem gegenwärtigen Monsun von Filmen über wahre Begebenheiten sei „Valkyrie“ der erstaunlichste, urteilt die „Times“, behandelt das Werk doch das vernachlässigte Heldentum von Offizieren und Soldaten, die Hitler und sein Regime aktiv bekämpften. Die „Times“ wundert sich, dass diese „stolze Geschichte im Schoß eines amerikanischen Regisseurs gelandet ist, der noch nie einen Tatsachenfilm gemacht hat.“ Der Streifen hätte mehr Schlagkraft gehabt, wenn er aus der boomenden und mit neuem Selbstvertrauen erfüllten deutschen Filmindustrie hervorgegangen statt aus den müden Mühlen von Hollywood, behauptet die Zeitung. Tom Cruise sehe aus wie die perfekte Besetzung für den Superhelden.

          Einhellige Kritik am „Gerangel der Akzente“

          „Das tödliche und vielleicht unvermeidlich Manko ist, dass der Hollywood-Schauspieler die deutsche Legende in den Hintergrund stellt.“ Es sei unmöglich, Stauffenbergs Leistung und die tiefe Bedeutung dieser zum Scheitern verurteilten Widerstandstat im Hollywood-Genre zu würdigen, das eher unterhalten als informieren müsse. Die Kritikerin des „Evening Standard“ äußert die Sorge, dass viele, vor allem jüngere Zuschauer, die nicht viel über den Krieg wissen, „einen Kitzel der Bewunderung für Adolf und seine treue Bande“ empfinden könnten. Der Film gebe eine verzerrtes Bild wieder, das Heldenmut im Hollywood-Stil fördere und den Faschismus „stilvoller und tiefgründiger“ erscheinen lasse, als seit langem geschehen.

          Nahezu einhellig wird die gemischte Aussprache reklamiert. Der „Daily Mail“ etwa sieht Cruises amerikanische Aussprache als „symptomatisch“ für die Unzulänglichkeiten des Darstellers, der dadurch wie ein Hollywood-Eindringling wirke. Die Akzente seien „einfach aberwitzig“, findet das Magazin „Time Out“. Cruises gedehntes Mittelamerikanisch passe schlecht zu Kenneth Branaghs kultiviertem Englisch und dem „teutonischen Gejammer des Führers.“ Die „Financial Times“ bemängelt das „Gerangel der Akzente“, das „Englisch, Mittelatlantisch und Pseudo-Hitler-Deutsch“ umschließe.

          Als „verpasste Gelegenheit“ bezeichnet der „Daily Mail“ den Film und trifft damit die vorherrschende Einschätzung der britischen Kritiker.

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