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„Tosca“-Rekord in Wien : Und läuft und läuft

  • -Aktualisiert am

Renata Tebaldi als Tosca mit ihrem Kollegen Zampieri während der Proben zu der Puccini-Oper „Tosca“ im April 1958 an der Wiener Staatsoper Bild: Picture-Alliance

Zum 600. Mal hat die Wiener Staatsoper gerade eine Puccini-Inszenierung aus dem Jahr 1958 gezeigt. Steht sie für einen neuen Retro-Trend?

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          Die Wiener Staatsoper solle „kein Experimentierinstitut“ sein, meinte Richard Strauss vor knapp einhundert Jahren, als er gemeinsam mit Franz Schalk das Haus am Wiener Ring geleitet hatte. Mit Argwohn beobachtete Strauss die Tendenz führender Häuser, „auf eine möglichst große Anzahl von Novitäten und Neueinstudierungen hinweisen zu können“, um stattdessen seine Empfehlung für „eine Art hohe Akademie“ abzugeben, „in welcher ausgewähltes Repertoire in möglichst vorbildlicher Weise zur Darstellung kommt“. Mit der jetzigen Aufführung der „Tosca“ hätte Strauss gewiss seine Freude gehabt: Zum sechshundertsten Mal ging Margarethe Wallmanns Inszenierung über die Staatsopernbühne, mit einer Starbesetzung – Angela Gheorghiou als Tosca, Massimo Giordano als Cavaradossi und Erwin Schrott als Scarpia – und immer noch in der sorgfältig restaurierten Ausstattung von Nicola Benois. Die Premiere erlebte die rekordverdächtige Produktion im April 1958, also vor knapp sechzig Jahren, in der Ära Karajan.

          Haben sich Opernhäuser vollends in Museen verwandelt, wie Strauss dies vorschwebte? Zum Glück gibt es, auch an großen Häusern, heute noch zahlreiche Uraufführungen. Doch einige internationale Tendenzen scheinen Strauss’ Vision zu erfüllen: Im März 2017 zeigte das Opernhaus in Lyon Reenactments dreier alter Meisterinszenierungen von Ruth Berghaus, Heiner Müller und Klaus Michael Grüber. Auch die Salzburger Osterfestspiele folgten 2017 diesem Retrotrend mit der Rekonstruktion von Günther Schneider-Siemssens Bühnenbild für Herbert von Karajans Inszenierung der „Walküre“ von 1967.

          Doch die Idee, die Neuinszenierung Vera Nemirovas ins alte Bühnenbild zu stellen, scheiterte an dessen historisch verblasster Modernität. Eine Art Rezept für überlebensfähige, gleichsam klassische Inszenierungen lässt sich hingegen an der Wiener „Tosca“ ablesen: Man belasse das Stück im historischen Kontext; man verwende Bühnenbilder, die architektonische Tiefe suggerieren – durch mystisch beleuchtete Prospekte von Seitenaltären in der Barockkirche des ersten Akts, einen sich verjüngenden Säulengang zum Prunkraum Scarpias im zweiten und die hinter den trutzigen Zinnen der Engelsburg in der Ferne schimmernde Kuppel des Petersdoms im dritten. Man achte ferner darauf, dass in der Bühnenmitte eine freie und dennoch intime Spielfläche in allen drei Akten verbleibt, um einer handwerklich geschickten Regie Platz für ein packendes Kammerspiel zu bieten. Und schon ist ein gleichsam zeitloses Drama zu sehen.

          Dass angesichts der jüngsten Enthüllungen in Hollywood der Aspekt der sexuellen Nötigung, der in „Tosca“ sogar mit einer Morddrohung verknüpft ist, heute eine ganz andere theatralische Brisanz erhalten könnte, ist sonnenklar. Aber würde eine Inszenierung, die daraus kurzfristig Kapital zu schlagen versuchte, auch sechshundertmal gezeigt werden können?

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