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Oper in Wuppertal : Stabführer, taktlos

Toshiyuki Kamioka: Der neue und bald auch vielleicht ehemalige Intendant der Oper Wuppertal. Bild: dpa

Seit Herbst sorgt Toshiyuki Kamioka als Intendant für Aufsehen. Einem wahren Popstar gleich, lebt er offen seine Launen aus. Wie die Oper Wuppertal über die Wupper geht.

          Der Mann ist ein Popstar. Zumindest in Wuppertal, wo er seit 2004 erst als Generalmusikdirektor, dann als Chef des Symphonieorchesters und seit Herbst als Intendant der Oper Aufsehen erregt. Das Publikum, vorneweg der Oberbürgermeister, liebt ihn, die Stadt rollt ihm den roten Teppich aus. Und wie ein Popstar geriert sich Toshiyuki Kamioka auch am Pult, in Dynamik und Tempofragen neige er, so hieß es über seine Eröffnungspremiere mit Puccinis „Tosca“ in dieser Zeitung (F.A.Z. vom 10.September), zu Übertreibungen – eigenwillig, aber effektvoll.

          Auf sich als Popstar hatte er zuvor schon das Haus zugeschnitten, die Sänger, auch Dramaturgen und Theaterpädagogen entlassen und aufs Stagione-System umgestellt, das im ersten Jahr nur ausgemachte Repertoire-Renner bietet, die nicht einmal alle – „Tosca“ war eine Übernahme aus Klagenfurt – für und in Wuppertal erarbeitet werden. Das Ensemble abgeschafft; das Stadttheater aufgelöst; den Spielplan, der zuvor auch auf Sparflamme noch Wagnisse einging, auf Nummer Sicher gestellt – das hat auch Zuschauer gekostet. Der Kartenverkauf soll schleppend verlaufen. Einem Popstar kann das nicht schmecken, und so beginnt auch der Intendant Kamioka dessen Launen und Halbwertzeit an den Tag zu legen.

          Durch die Hintertür

          Zwar kam, als die Lokalzeitung gestern berichtete, er wolle aus seinem bis 2019 laufenden Vertrag „spätestens im Juli 2016“ aussteigen, prompt ein Dementi, doch dieses erweist sich, genau betrachtet, als das Gegenteil. Es habe ein vertrauliches Hintergrundgespräch mit der Stadtspitze gegeben, in dem es auch um „Zukunftsperspektiven und mögliche Änderungen bei Ämtern“ gegangen sei, lässt Kamioka erklären. Bei langfristigen Verträgen, wie er sie habe, sei das völlig normal und an einem angeblichen Streit mit dem Orchester nichts dran. Also alles im Rahmen und überhaupt, die Spielzeit 2015/16 sei – wie anders in der Oper? – schon „größtenteils durchgeplant“. Doch zwischendurch sinniert Kamioka auch über „seine Zukunft als Opernintendant“, und da müsse er, weil er, „insbesondere aus Japan“, immer mehr als Dirigent gefragt sei, „darüber nachdenken dürfen, ob ich meinen Verpflichtungen langfristig genügen kann“.

          Die beiden nächsten Sätze haben es in sich: „Auf jeden Fall werde ich diese über volle zwei Spielzeiten erfüllen. Dann muss man sehen.“ Im Klartext heißt das: bis Juli 2016. So wird die Darstellung der Lokalzeitung nicht dementiert, sondern im Kern bestätigt. Sollte Kamioka durch die Hintertür, die er hier öffnet, entwischen, hätte die Stadt ein Problem und bei der Suche nach einem Nachfolger gleich zwei Handikaps: Sie wäre spät dran und könnte nur einen besseren Gastspielbetrieb anbieten, der für künstlerisch halbwegs ambitionierte Kandidaten wenig attraktiv ist. So schnell kann’s gehen, wenn sich Popstars der Oper bemächtigen: Erst pfeifen sie auf die gewachsenen Strukturen und die künstlerischen Traditionen, und dann machen sie sich aus dem vordergründig aufgewirbelten Staub. Der einst lebendigen Theaterstadt Wuppertal, die ihr Schauspiel amputiert hat und ihr Schauspielhaus leer stehen lässt, droht ein kulturpolitischer Scherbenhaufen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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