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Oper „Bluthaus“ : Ihrem Seelenmörder kann sie nie entkommen

  • -Aktualisiert am

Im Schatten der Vergangenheit: Sarah Wegener als Tochter Nadja und Daniel Gloge als Makler Bild: Schwetzinger Festspiele

Angekommen in der bösen Gegenwart: In „Bluthaus“, der neuen Oper von Georg Friedrich Haas, geht es um das Drama eines sexuellen Missbrauchs. Die Uraufführung des Extrem-Stückes war beklemmend.

          „Vermutungen über ein dunkles Haus“ heißt ein Orchesterpart aus Roman Haubenstock-Ramatis Kafka-Oper „Amerika“. Häuser stehen nicht selten für das Unheimliche, zumindest die Ambivalenz von trautem Heim und nicht recht Geheurem, ja von Geborgenheit und unentrinnbarer Horror-Höhle: Das einsame Motel in Hitchcocks „Psycho“ ist gleichermaßen rettende Zuflucht und mörderische Falle. Aus Literatur, Theater und Kino kennt man solch makabre Konstellationen zur Genüge: historische Sujets, angeblich zeitlos. Dort, im Bereich etwa der „Literatur-Oper“, könnte man sie belassen - gäbe es nicht auch noch eine vorästhetische Realität, innerhalb derer es Ereignisse gibt, die man nicht a priori den Theater-Themen zurechnet, sondern die ganz konkrete Situationen sind. Und in denen Häuser keineswegs Symbolcharakter haben.

          Denn das Grauen, das sich mitunter hinter gepflegten Fassaden, Türen, Fenstern, Luken verbirgt, trägt leider nicht selten den Namen von Institutionen, auch den der Familie. Die Fälle sexuellen Missbrauchs in Schulen verschiedener Art haben alarmiert, während bei den inzestuösen Verstrickungen die Dunkelziffer immer noch hoch ist: Schulobere anzuzeigen ist für die Betroffenen leichter, als den eigenen Vater vor Gericht zu bringen. Einige besonders krasse Beispiele der Verquickung über-väterlicher Liebe und roher Gewalt aus Österreich sind bekannt geworden. Elfriede Jelinek hat sie für die Bühne aktiviert. Doch so politisch unmittelbar wollte der Tiroler Dramatiker Händl Klaus die Tragödien nicht unbedingt umsetzen: Ein wenig Überbau musste schon sein.

          Außerordentlich dichte Szenen

          „Bluthaus“ heißt sein Libretto für die jüngste Oper von Georg Friedrich Haas. Aber es ist durchaus konkret genug. Da will nämlich eine junge Frau, Nadja, ihr Geburtshaus verkaufen. Es „wird ihr zu viel“ - eine alltägliche Situation: Der Bau ist für sie allein zu groß, die Bank drängt wegen der Kredite, sie will weg, alles hinter sich lassen. Ein netter Makler verheißt die Lösung, organisiert einen Besichtigungstermin: Das Angebot ist attraktiv, Interessenten gibt es genug, der passablen Veräußerung stünde kaum etwas im Wege - ginge es nur um ein Objekt, eine Baulichkeit. Doch ebendiese hat eine Seele ganz besonderer Art. Denn gleich zu Beginn der Oper hört man, ein wahres Zombie-Duett, die Stimmen von Vater Werner und Mutter Natascha statisch gleichförmig, fast minimalistisch unverständlich Silben aneinanderreihen: ein unauflöslich tönender Kokon, eher sanft erotisch verlockend als bedrohlich. Und schon ahnt man: Diesem Bann wird Nadja sich nicht entziehen können, eine normale Eltern-Kind-Beziehung ist dies nicht.

          Der tote Vater ist dabei: Sarah Wegener, Otto Katzameier und Daniel Gloge in der Oper „Bluthaus”

          Dann aber gerät der Text immer mehr zum boulevardesk-burlesken Alltags-Konversationsstück. Der Makler preist das Haus an, die Interessenten schauen, kommentieren, palavern, feilschen. Wer solche Situationen kennt, dem wird das Ganze nicht einmal sonderlich satirisch vorkommen. Doch der Trivial-Talk wird zum Tribunal. Ein benachbartes Ehepaar enthüllt, dass Nadjas Vater sich jahrelang an ihr vergangen hat, die Mutter ihn erstach, sich selbst die Kehle durchschnitt: ein Bluthaus. Entsetzen greift um sich, die Hetz-Meute attackiert Nadja - gerade so, wie es Elias Canetti definiert hat: „Es ist die Erregung von Blinden, die am blindesten sind, wenn sie plötzlich zu sehen glauben.“ Die Kauf-Rotte verzieht sich, es kommt zum Sex zwischen Nadja und dem Makler, doch der Vater ist mit dabei: Es gibt kein Entkommen.

          Dies also die sex-and-crime-Kolportage. Doch Händl Klaus und Haas ging es nicht minder ums gemeinsame Artefakt. Händl Klaus hat wie schon beim Libretto für Klaus Langs „der einfluss des menschen auf den mond“ kürzelhaft Worte, oft nur Silben addiert, wodurch die plakative Story etwas Mechanisiertes erhält, von dem wiederum sich die weitintervallischen Gesangsbögen magisch abheben. Aber die zahlreichen Sprechpassagen sind rhythmisch exakt kalkuliert. Die außerordentliche Dichte der knapp zweistündig durchlaufenden zehn Szenen erwächst auch aus solcher Strenge. Nach auratischer Literatur (Hölderlin, Jon Fosse) hat Haas in die böse Gegenwart gefunden, sich gleichzeitig radikalisiert wie den stilistischen Fächer antidogmatisch erweitert.

          Kein Lob zu hoch

          Da hört man, schier naturalistisch, des Windes Wehen, erst recht aber die von ihm bevorzugten irreal irisierenden Mikrointervall- und Oberton-Schichtungen - gleißende, rein orchestrale Farb-Bänder - mitunter synthetischer klingen als manche rein elektronische Musik: Das Geisterhaus tönt realer als es Zusatz-Effekte könnten. Insofern ist auch Haas Komposition eine „Tragödie des Hörens“ (Nono), voller unvertrauter Klänge. Hinzutreten minimalistische Raster, erinnernd ans Pulsieren mittelmeerischer Zikaden. Wer sich derart von Konventionen entfernt, kann sich Rückgriffe auf Vertrautes leisten, ohne in den Ruch des Reaktionären zu geraten. Exakte Tonalitäten, lange Melodie-Entwicklungen haben ihren Platz im Kaleidoskop des Fremdartigen, in dem selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts mehr ist als ein plattes Zitat.

          Die Uraufführung bei den Schwetzinger Festspielen, Koproduktion mit dem Theater Bonn, war beklemmend beeindruckend. Für die Soprane Sarah Wegener (Nadja) und Ruth Weber (Mutter), den Bariton Otto Katzameier (Vater), den Countertenor Daniel Gloge (Makler) ist kein Lob zu hoch, und das SWR-Orchester Stuttgart spielte unter Stefan Blunier die vertrackten Mixturen der Orchestersprache von Haas sehr suggestiv. Klaus Weises Regie in Martin Kululies' transparent hellem Bauhaus hielt die Mitte zwischen Typisierung und Charakterisierung. Das funktionierte gut, doch dem Extrem-Stück hätte eine radikalere Sicht noch besser getan. Verstört-emphatische Zustimmung.

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